Sogenannte menschenzentrierte KI. Nur ohne Kinder.

Die „Ethics Guidelines For Trustworthy AI“ (im Folgenden „Guidelines“), die „menschenzentrierte vertrauenswürdige Künstliche Intelligenz“ als Europäische Marke etablieren sollen, orientieren sich an den Interessen Erwachsener und erwähnen Kinder gerade einmal am Rande. Ganze sieben Mal, davon sind zwei identische Doppelerwähnungen, werden Kinder („child*ren/hood“) in den Guidelines genannt. Demgegenüber wird die “Trustworthy AI” ganze 118 Mal erwähnt. Auf 38 Seiten.

Fortschritt überschreitet und verwischt schützende Grenzen

Der technische Fortschritt wird auch die Kinder immer weiter einverleiben. So wie Spielzeug heute selbst spricht, tanzt, singt, klingt und in der Interaktion auf das Kind reagiert, wird es das in Zukunft auch – lediglich in anderer Form. Kinder werden auf ihre durch das Internet erweiterte Umwelt in ganz neuer Form einwirken und mehr Einflüsse aus ihr selbst aufnehmen. Das sollte ihnen auch möglich gemacht werden, solange sichergestellt ist, dass sie in ihrer Entwicklung nicht gestört werden und selbst niemanden in seinen ebenso geschützten Rechten verletzen. Das Agieren über einen Bildschirm, der eine Verbindung zu einem undurchschaubaren Netzwerk herstellt, macht jeden Menschen unempfänglich für die Bedeutung der Auswirkung eines einzigen Fingertipps an einem seiner Knotenpunkte.

Wie bitte geht Zukunft ohne Kinder?

Die Guidelines der HLE-Group haben die wichtige, sicherheits- und zukunftsgewandte Bedeutung der Kinder für die – ausdrücklich als alternd bezeichnete – Gesellschaft völlig verkannt. Kinder sind keine Randerscheinung. Die Ignoranz gegenüber den Europäern der Zukunft zeigt in gravierender Weise auf, wie wenig menschenzentriert die Guidelines wirklich sind. Wer den Kindern nicht die ihnen gebührende Aufmerksamkeit schenkt, verschenkt Zukunftschancen. Gerade im Bereich der Zukunftstechnologien.

Ethik verlangt Integration und Information. Nicht Suggestion.

Kinder sollten viel mehr als aktiver Teil der Gesellschaft wahrgenommen werden: In vielen Punkten kann sogar der Erwachsene von ihnen lernen. 

Ethik hat mehr mit Information und Zutrauen menschlicher Intelligenz zu tun als mit dem Verlangen des Vertrauens in ein trügerisches Bild von Künstlicher Intelligenz. Und das verdient nicht den Namen Trustworthy AI, sondern Tricky AI.

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Dies ist ein Zusammenschnitt des Artikels Was du erblickst, ist Schatten des widerstrahlenden Bildes. Europas „human-centric Trustworthy AI“ als Spiegel des Narcissus in der aktuellen Ri 01/2019, S. 25.

Über die Autorin

Claudia Otto ist seit 2012 Rechtsanwältin. Nach 4,5 Jahren Anwaltstätigkeit für Hengeler Mueller in Frankfurt am Main gründete sie dort im Jahr 2016 ihre eigene, auf die Vereinbarkeit von Technologie und Recht fokussierte Kanzlei COT Legal. Im April 2017 gründete sie die interdisziplinäre Fachpublikation „Recht innovativ“ (Ri).

Titelbild: © Konstantin Yuganov via Adobe Stock, #100876870