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Legal Design – ein neuer Ansatz für Innovation in der Rechtsbranche?

Alisha Andert*

I. Am Anfang war das Problem

 

Was war zuerst da, die Henne oder das Ei? Auf diese Frage werden wir womöglich niemals eine wissenschaftlich zufriedenstellende Antwort erhalten. Mit einer ähnlichen Frage, scheint auch die Rechtsbranche in Hinblick auf Innovation und den Einsatz neuer Technologien im juristischen Bereich konfrontiert zu sein. Erst die Entwicklung einer Lösung lässt das zugrundeliegende Problem sichtbar werden.

 

Dass beispielsweise der Zugang zum Recht für Verbraucher in vielen Bereichen nicht hinreichend effektiv gewährt wird, ist seit Jahren evident. Unternehmen, die Verbraucheransprüche grundlos abwehren, geringe Anwaltsdichte in ländlicheren Gegenden, das Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG), das ein Tätigwerden für Rechtsanwälte im Falle kleiner Streitwerte unattraktiv macht. All diese Punkte waren in der Rechtsbranche alles andere als unbekannt und dennoch rückten sie erst dann besonders in den Fokus der Juristen, als Legal Tech[1] Portale anfingen, den Zugang zum Recht für Verbraucher durch neue Angebote zu verbessern.[2]

 

Innovative Anwendungen geben dem Rechtsmarkt bereits seit einigen Jahren neue Impulse und rütteln an den Grundpfeilern einer Branche, die sich der Digitalisierung scheinbar so lange erfolgreich verwehrt hatte. Immer größer wird das Angebot an Legal Tech-Produkten und der Großteil der deutschen Rechtsbranche schaut staunend und skeptisch dabei zu, wie sich der Markt langsam aber schrittweise verändert, ohne jedoch an eine Revolution zu glauben.[3]

 

Doch diese Veränderung passiert nicht zufällig und sie ließe sich durchaus steuern. Am Anfang einer Verbesserung steht immer ein Problem. Wer also anstrebt, Antworten auf die komplexen Herausforderungen unserer Zeit zu finden, sollte sich zuallererst darum bemühen, die Fragestellung verstanden zu haben. So erfordert auch die Entwicklung erfolgreicher neuer Anwendungen und Produkte zunächst ein umfassendes Verständnis des jeweils zugrundeliegenden Problems. Erst dann kann sinnvollerweise damit begonnen werden, mögliche Lösungswege zu erkunden. Im Gegensatz dazu, zeichnet sich die juristische Arbeitsweise naturgemäß eher dadurch aus, Sachverhalte zu bewerten und im Falle des anwaltlichen Tätigwerdens, nach Möglichkeit, ein von vornherein bestimmtes, im Interesse des Mandanten liegendes Ergebnis zu erzielen. Diese Herangehensweise eignet sich jedoch nicht für Innovationsprozesse, die grundsätzlich ergebnisoffen gedacht werden müssen.

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II. Legal Design als neuer Innovationsansatz

 

Was in der Rechtsbranche bisher oft zu fehlen scheint, ist eine strukturierte Erarbeitung von und das Herstellen einer Verbindung zwischen Problem und Lösung: Ein zielführender Innovationsprozess.

 

An dieser Stelle kommt Legal Design zur Anwendung. Legal Design bietet einen neuen Ansatz, mit dem die Rechtsbranche in Zeiten der Digitalisierung, den damit einhergehenden sich verändernden Anforderungen und Ansprüchen an sie, produktiv begegnen kann.[4]

 

Eine klare Definition für den Begriff „Legal Design“ hat sich noch nicht etabliert. Dennoch lässt sich aus seiner Entstehung und durch einen Blick auf die Entwicklung in diesem Bereich herleiten und erklären, was hinter dem Begriff steckt.

 

Verfehlt ist es jedenfalls, unter Legal Design lediglich die visuelle Neugestaltung juristischer Dokumente zu verstehen. Diese Auslegung greift zu kurz, auch wenn visuelle Neugestaltung zur Verbesserung des Nutzererlebnisses regelmäßig Teil eines Innovationsprozesses ist. Auch ist z.B. die Bezeichnung des Legal Designers oder der Legal Designerin keine neumodische Berufsbezeichnung für die bei der Formulierung von Gesetzen und Verordnungen mitwirkenden Juristinnen und Juristen.

 

Der Ursprung von Legal Design liegt in dem Innovationsansatz des sog. Design Thinking.[5] Auch dafür existiert keine wissenschaftlich einheitliche Definition. Wie Legal Design, ist nämlich auch Design Thinking gerade keine eigenständige, klar abgrenzbare Methode, auch wenn es oft zu den agilen Methoden gezählt wird. Es vereint vielmehr verschiedene Methoden zu einem System.

 

Während eines Innovationsprozesses lassen sich diese Methoden gezielt heranziehen, um das Problem, den Nutzer, seine Interessen und Bedürfnisse zu verstehen und anhand der dadurch gewonnenen Erkenntnisse, passgenaue Lösungen zu entwickeln.[6] Der Design Thinking-Prozess ist in zwei klar voneinander abgegrenzte Bereiche, einen Problem- und einen Lösungsbereich, unterteilt und gliedert sich innerhalb dieser Bereiche in mehrere Phasen. Innerhalb jeder Phase stehen aus unterschiedlichen Bereichen stammende Methoden zur Verfügung.[7] So nutzen Design Thinker in den Phasen der Problemanalyse und -definition z.B. Methoden aus der Anthropologie, Nutzerforschung und Marktanalyse. In den Phasen der Lösungsfindung werden unter anderem unterschiedliche Brainstorming-Methoden angewendet, um kreative Denkprozesse anzustoßen und zu fördern. Zudem werden Lösungen bereits im Stadium einer ersten Idee dergestalt greifbar gemacht (Prototyping), dass man ihre Eignung direkt am Nutzer testen kann. Dadurch werden schon früh im Prozess neue Erkenntnisse gewonnen, welche die Weiterentwicklung hin zu einem finalen Ergebnis wesentlich beeinflussen können. Design Thinking beschreibt also einen iterativen Prozess, der durch verschiedene Methoden begleitet wird. Vereinfacht gesprochen – und daher auch wenig überraschend die Bezeichnung – überträgt der Ansatz von Design Thinking die Art und Weise, wie Designer an die Gestaltung eines Produktes herangehen, auf Probleme auch außerhalb des klassischen Produktdesigns.[8]

 

Neben dem oben beschriebenen Prozess, der das mehrfache Durchlaufen bestimmter Phasen vorgibt, basiert Design Thinking noch auf zwei weiteren, für ein Gelingen ebenso wesentlichen Faktoren: Auf den an der Entwicklung beteiligten Personen sowie dem Raum, in welchem der Innovationsprozess stattfindet. Im Englischen spricht man von „People, Place, Process“.[9] Dabei wird im Design Thinking konkret gefordert, dass möglichst interdisziplinäre Teams idealerweise an einem – oder mehreren – Orten zusammenarbeiten, die, je nachdem in welcher Phase man sich gerade befindet, analytische oder kreative Denkprozesse zulassen und fördern. Die Anforderungen an die Team-Besetzung basieren auf der Annahme, dass eine multidisziplinäre Zusammenarbeit das Zusammenwirken unterschiedlicher Perspektiven und Fähigkeiten fördert und dadurch ganzheitliche Lösungen entwickelt werden können. Die Umgebung, in der gearbeitet wird, hat einen starken Einfluss auf unsere Denkprozesse.[10]

 

Korrekt ist es daher, sowohl Design Thinking als auch Legal Design als Ansatz zur Problemlösung und Neugestaltung zu bezeichnen, der auf verschiedenen Prinzipien basiert und durch unterschiedliche Methoden einen Rahmen für Innovation bildet.

 

Als einer der Erfinder des Design Thinking gilt David M. Kelley, der auch die Design- und Innovationsagentur IDEO gründete und Professor an der Stanford University in Palo Alto, Kalifornien, USA sowie Mitbegründer und Leiter der dort ansässigen d.school, dem Hasso Plattner Institute of Design at Stanford, ist.[11]

 

So ist es nicht verwunderlich, dass auch die Begründung des Legal Design-Ansatzes ihren Ursprung in Stanford findet. Dort wurde im Herbst 2013 das Legal Design Lab an der Stanford Law School gegründet.[12] Initiatorin und Leiterin ist Margaret Hagan, die zuvor selbst die Law School und d.school in Stanford besucht hatte.[13] Die erklärte Mission des Legal Design Lab liegt, neben der Ausbildung von Jurastudenten in nutzerzentriertem Design, in der Entwicklung neuer Modelle für benutzerfreundliche und zugängliche Rechtsdienstleistungen. Darüber hinaus wird daran geforscht wie Innovationen in den Rechtsbereich eingeführt werden können und worin die Bedürfnisse von Rechtsanwendern liegen.[14]

 

Meint Legal Design also lediglich die Anwendung des Design Thinking-Ansatzes im Rechtsbereich?[15]

 

Diese Auslegung wäre wohl nicht umfassend genug und könnte auch nicht erklären, weshalb Design Thinking als mittlerweile gängiger Innovationsansatz, der bereits in vielen Branchen in den unterschiedlichsten Unternehmen und Organisationen angewendet wird (unter anderem SAP[16], Siemens[17], Deutsche Bahn[18]), bis vor kurzem noch nicht in den Rechtsbereich vorgedrungen war.

 

Wohl nicht zufällig entwickelt sich Legal Design zu einer Zeit, in der die Digitalisierung des Rechtsmarktes zu einem Umdenken anregt. Auch die Ansprüche von Mandanten und Rechtsanwendern verändern sich. Mandanten möchten wie Kunden einer Dienstleistung behandelt werden, es wird mehr Transparenz gefordert und analoge Prozesse werden zu Schranken.

 

Der Rechtsmarkt steht vor neuen Herausforderungen, die nicht nur durch die gesteigerten Anforderungen seiner Anwender, sondern auch durch einen Generationswechsel ausgelöst werden, der Juristen und Juristinnen hervorbringt, deren Bedürfnisse sich ebenfalls von denen ihrer Vorgänger unterscheiden.[19]

 

Legal Design steht damit nicht nur für einen Ansatz zur Problemlösung, sondern auch für das Umdenken auf dem Rechtsmarkt insgesamt. Gleichzeitig ist Legal Design durch seinen multidisziplinären und nutzerorientierten Ansatz geeignet, die Brücke und den Rahmen für den Wandel einer Branche zu bilden, die sich durch ihre fest verankerten Strukturen und Systeme mit der Erneuerung schwertut. Der neue Ansatz gibt Impulse für das Hinterfragen alter Prozesse, Arbeitsmodelle und Dienstleistungen.

 

III.  Wie wir Legal Design für Innovation nutzen können

 

Will man Legal Design gezielt für Innovationsvorhaben einsetzen, stellt sich zunächst die Frage, welche Bereiche der Rechtsbranche und – bzw. noch genauer – welche Art von Problemen sich besonders für ein solches Vorgehen eignen.

 

Im Wesentlichen lassen sich bereits drei Ebenen erkennen, in denen Legal Design zielführend zur Anwendung kommt. Die erste Ebene, welche bisher wohl auch die meisten Praxisbeispiele vorzuweisen hat, ist die der Gestaltung juristischer Kommunikation. Auf die anderen beiden Ebenen wird an späterer Stelle noch eingegangen.

 

Es braucht wahrlich kein Zertifikat im Design Thinking und zwei Staatsexamina, um zu erkennen, dass juristische Dokumente die Bedürfnisse ihrer Leser zumeist völlig unberücksichtigt lassen. Angefangen mit einer komplexen wie berüchtigten, für Laien nahezu unverständlichen Sprache in kleinster Schriftgröße,[20] über eine gestalterisch sehr einseitige Aufmachung, hin zu einer kognitiv kaum erfassbaren Masse an Informationen. Ob sich der Text an Jurastudenten, den Mandanten, einen Bürger oder an das Gericht wendet, als leicht zugänglich lassen sich die Ausführungen in der Regel nicht beschreiben. Natürlich haben juristische Ausführungen und die eigens dafür entwickelte Sprache durchaus ihre Daseinsberechtigung. Ihre unerschütterliche Präzision bildet einen elementaren Teil der juristischen Arbeit und Dienstleistung. Verfehlt wäre es daher, zu glauben, man könne komplizierte Passagen eines Dokuments einfach durch stark heruntergebrochene Zusammenfassungen in einfacher Sprache ersetzen oder den Inhalt lediglich durch Zeichnungen ergänzen.

 

Legal Design regt vor diesem Hintergrund vielmehr dazu an, diesen schwierigen Aspekt der juristischen Kommunikation einmal genauestens zu untersuchen, bevor man sich vorschnell an eine Lösung macht, mit der man lediglich das Gewohnte reproduziert. Wer sind die kommunizierenden Parteien? Worin liegen ihre Bedürfnisse? Welcher Zweck soll mit einem Dokument erreicht werden? Welche Inhalte werden weshalb genau kommuniziert? Inwiefern bedeuten Dokumente eine Herausforderung für ihre unterschiedlichen Adressaten? Welche Gründe gibt es dafür, dass die Kommunikation in diesem Bereich problematisch ist?

Möglicherweise findet man so in einem Legal Design-Prozess heraus, dass bestimmte Klauseln regelmäßig missverstanden, Kernaussagen übersehen oder ganze Seiten, z.B. aus Resignation, erst gar nicht gelesen werden. Oder man stellt fest, dass sich ein Vertrag, der die Zusammenarbeit mehrerer Parteien begründen soll, so sehr darauf fokussiert, alle denkbaren Momente der Konfrontation zu regeln, dass die Auseinandersetzung mit innovativen Formen der Kollaboration während der Vertragsverhandlung vollkommen außen vor bleibt.  Dieser überschaubare initiale Aufwand, sich der Dynamik, die ein juristischer Text, bei all seiner Statik schafft, bewusst zu werden, bereitet somit eine solide Wissensbasis für ein neues, auf effizientere und effektivere juristische Kommunikation gerichtetes, Informationsdesign.

 

Während sich Legal Design Problemen geradezu systemisch nähert, also weit über eine rein optische Neugestaltung hinaus, gibt es natürlich durchaus auch Fälle, in denen es gerade auf letztere ankam.  Dabei wurden juristische Informationen allein durch Kürzungen und Visualisierungen so umgestaltet, dass diese für ihre Adressaten verständlich und zugänglich wurden. Bekanntheit erlangt hat hier insbesondere Robert de Rooy, ein Rechtsanwalt aus Südafrika, der „Comic Contracts“ gründete.[21] „Comic Contracts“ gestaltet juristische Vertragsdokumente dergestalt neu, dass ihre Kerninformationen im Comic Format visualisiert werden. Der erste Vertrag, der in dieser Form entstand, ist ein Arbeitsvertrag für Arbeiter einer Orangenfarm in Südafrika. Im Ergebnis können diese trotz Wissensbarrieren ihre Rechte und Pflichten aus dem Arbeitsvertrag schnell erfassen und verstehen.[22] Aufbauend auf diesem Erfolg hat das Unternehmen mittlerweile schon einige weitere Vertragsdokumente auf ähnliche Weise neugestaltet und an die Bedürfnisse der jeweiligen Nutzer angepasst.[23]

 

Anhand dieses Beispiels zeigen sich gleichzeitig auch die Herausforderungen der nutzerorientierten Gestaltung durch Legal Design. Zwar wird es einer Personengruppe durch die spielerischere Gestaltung und Vereinfachung der wesentlichen Rechte und Pflichten aus einem Vertrag ermöglicht, diese zu verstehen; damit notwendigerweise einhergehend ist aber auch, dass Details der Regelungen unberücksichtigt bleiben. Gerade auf diese wird es jedoch möglicherweise im Fall eines Konfliktes ankommen. Zudem bergen nicht nur eine komplexe Wortwahl, sondern auch visuelle Gestaltungen, wie solche von „Comic Contracts“ die Gefahr von Missverständnissen. Eine erfolgreiche Neugestaltung durch Legal Design muss daher neben den Bedürfnissen des jeweiligen Nutzers auch den gesamten Kontext und Zweck miteinbeziehen.

 

Ebenfalls mit der Neugestaltung juristischer Dokumente befasst, ist die durch die französische Juristin Marie Potel-Saville[24] gegründete Design-Agentur Amurabi mit Sitz in Paris. In einem Projekt aus dem Bereich Compliance befasste sich die Agentur unter anderem mit der Frage, wie sichergestellt werden könne, dass die Compliance-Empfehlungen der Rechtsabteilung in Unternehmen tatsächlich gelesen, verstanden und umgesetzt würden.[25] Das Ergebnis des iterativen Prozesses war ein visuell zugängliches Dokument, welches „The journey of a Euro“ („Die Reise eines Euros“) veranschaulicht und Geschäftsleute für die möglichen Geldflüsse bei ihren Projekten sensibilisiert. Hierdurch sollen sie zu einer bewussteren Einhaltung komplexer Vorschriften und vertraglicher Verpflichtungen befähigt und bewegt werden.[26]

 

Die Anwendungsmöglichkeiten von Legal Design beschränken sich jedoch keineswegs auf die Ebene der Kommunikation. Die zweite Ebene, die durch den Innovationsansatz neugestaltet wird, ist die der dahinterstehenden Systeme, Prozesse und Dienstleistungen.

So befasste sich „Justice Innovation“, ein Projekt des Legal Design Lab in Stanford, unter anderem mit der Frage, wie man die Mitwirkung von Menschen am Rechtssystem verbessern könne, insbesondere wenn hierdurch ihre Rechte, ihr Geld, ihre Freiheit und ihr Ruf gefährdet sind.[27] Die Annahme, dass Menschen ihre Termine vor Gericht eher wahrnehmen würden, wenn sie regelmäßig an diese erinnert würden, konnte durch die im Rahmen des Projekts entwickelte Anwendung „Wise Messenger“ unmittelbar getestet werden.[28] Die Anwendung ermöglicht beispielsweise einem Strafverteidiger, seinen Mandanten in regelmäßigen Abständen an einen anstehenden Gerichtstermin zu erinnern, ohne dass dieser ihn manuell benachrichtigen muss. „Wise Messenger“ benachrichtigt auch über die Änderung und Verschiebung von Terminen. Im Ergebnis hat das Legal Design Lab eine Anwendung entwickelt, die ihren Nutzern nicht nur hilft, sondern gleichzeitig neue Erkenntnisse zum Nutzerverhalten liefert, die in jeder Stufe der Weiterentwicklung des Prototypen berücksichtigt werden können.

 

Auch im geschäftlichen Kontext kann die Gestaltung neuer Legal Tech-Produkte durch die Anwendung des Legal Design-Ansatzes effektiv gestaltet werden. Auf diesem Wege werden nicht nur in technischer Hinsicht funktionierende Lösungen entwickelt, sondern auch solche, die tatsächlich genutzt werden, weil sie gezielt konkrete Nutzerbedürfnisse befriedigen und sich in ihrer Anwendung positiv von den bisher verfügbaren Angeboten abheben.

 

Ein weiteres Beispiel für die nutzernahe Entwicklung einer Legal Tech-Anwendung im geschäftlichen Kontext ist eine durch die Großkanzlei CMS für ihre Mandanten entwickelte Anwendung, die es den Personalabteilungen der Unternehmen erlaubt, einen Fremdpersonaleinsatz unkompliziert auf eine Scheinselbstständigkeit hin zu testen. Es handelt sich dabei um eine Online-Anwendung, innerhalb derer sich der Nutzer durch Fragen leiten lässt und am Ende eine juristische Bewertung des Sachverhalts erhält. Dies geschieht auf Basis einer dynamischen Fragebaum- und Gewichtungslogik, durch welche die Eingaben des Nutzers automatisch individuell bewertet werden.[29]

 

Diese und andere Anwendungen entwickeln verschiedene Großkanzleien mittlerweile in ihren eigens dafür eingerichteten „Legal Tech Labs/Centers“. Auffallend ist, dass alle Innovationsvorhaben im juristischen Bereich unter dem Begriff Legal Tech zusammengefasst zu werden scheinen. Dabei liefert das oben genannte Beispiel der Online-Anwendung für Personalabteilungen ein Beispiel, anhand dessen, sich der Unterschied zwischen Legal Design und Legal Tech sehr gut verdeutlichen lässt. Während die Anwendung selbst eine technologische ist und daher richtigerweise auch als Legal Tech bezeichnet wird, beschreibt Legal Design die Herangehensweise, mit der das Produkt entwickelt wurde: Auch hier wieder, angefangen mit einem umfassenden Problemverständnis, welches in diesem Kontext auch das umfassende juristische Problemverständnis zu der ausschließlich juristischen Fragestellung der Scheinselbstständigkeit erfasst, hin zu einer Lösung, die sich an den Bedürfnissen des Nutzers orientiert. Der Nutzer ist in diesem Fall kein Rechtsanwalt, sondern jemand aus der Personalabteilung, der den Einsatz von Fremdpersonal plant. Die Lösung wird seinem individuellen Empfängerhorizont dadurch gerecht, dass das entwickelte Tool die primär benötigten, klaren Antworten auf variable Sachverhalte gibt, ohne dass die sich dahinter verbergende juristische Logik, auf die es dem Nutzer in diesem Fall nicht ankommt, vollumfänglich mitkommuniziert wird.

 

Die Unterscheidung von Legal Tech und Legal Design ist deshalb von Relevanz, weil eine nutzerfreundliche nachhaltige Lösung nicht zwingend digital sein muss – auch wenn sie es heutzutage oftmals sein wird. Die erfolgreiche Erneuerung, der Innovationsgrad der Rechtsbranche darf nicht daran gemessen werden, in welchem Umfang sie Technologien einsetzt. Es geht vielmehr darum, wie effektiv sie sowohl Technologien als auch alle anderen verfügbaren Mittel, z.B. die gezielte Auslagerung bestimmter Aufgaben in ein Legal Operations Team, einsetzt, um ihren Nutzern bestmöglich zu dienen.

 

Eine dritte Ebene, auf der Legal Design eine gestalterische Rolle spielen kann, bildet die Grundlage unseres Rechtssystems selbst: Das Recht. So ist es z.B. denkbar, den Nutzer, in diesem Fall den von einem jeden Gesetz betroffenen Bürger, im Rahmen von Gesetzgebungsverfahren verstärkt in den Mittelpunkt zu stellen. Anhörungen Betroffener und Experten gibt es selbstredend bereits heute. Jedoch können dem Prozess der Gesetzgebung weit darüber hinaus neue Impulse versetzt werden, indem man etwa in co-kreativen Formaten, gemeinsam mit Entscheidungsträgern wie mit Betroffenen erarbeitet, was es im Wege der Gesetzgebung zu fördern gilt und geplante Regelungen im Rahmen kleiner Testräume auf ihre Eignung hin testet, um sich ihre Auswirkungen praktisch zu vergegenwärtigen.[30] Gestaltungsspielraum bietet dafür zwar nicht das verfassungsrechtlich festgelegte formale Gesetzgebungsverfahren selbst, aber der Gestaltungsprozess bis zum ersten Entwurf durchaus.[31]

 

IV. Fazit und Ausblick

 

Deutlich wird zunächst, dass Innovation im Rechtsbereich nicht allein dadurch erreicht wird, dass Technologien eingesetzt werden. Erst der gezielte Einsatz auf Basis identifizierter Nutzerbedürfnisse führt zu einer nachhaltigen Verbesserung des Status Quo. Legal Design als Innovationsansatz bietet den Rahmen für ein allgemein stattfindendes Umdenken innerhalb der Rechtsbranche und macht die konkrete Umsetzung von Innovationsvorhaben im Wege eines strukturierten Prozesses und Sets an interdisziplinären Methoden möglich. Deutlich wird auch, dass diese Innovationsanstöße aus dem Rechtsbereich selbst kommen müssen. Zu komplex, zu eigen ist das ganze System, als dass die Gestaltung von außen erfolgen könnte.

 

Innerhalb des Rechtsbereichs ist wiederum langfristig eine Spaltung zu erwarten. Was in anderen Branchen schon heute nicht mehr von der Hand zu weisen ist, zeigt sich langsam auch in der Rechtsbranche: Das bessere Nutzererlebnis setzt sich durch. Sofern Kunden, Mandanten und andere Nutzer die Wahl haben, werden sie sich für den Service oder das Produkt entscheiden, das ihnen das bessere Erlebnis beschert. Was unter diesem „besseren Erlebnis“ zu verstehen ist, kann nur herausgefunden werden, wenn man sich bewusst mit den Bedürfnissen dieser Personengruppe beschäftigt. Legal Design wird in Zukunft mit genau dieser Herangehensweise bei der Weiterentwicklung des Rechtssystems eine wichtige Rolle spielen.

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* Alisha Andert, LL.M. ist Volljuristin und Head of Legal Innovation bei der Arbeitnehmerkanzlei Chevalier in Berlin. Als Mitgründerin von This is Legal Design, einer Innovationsberatung sowie Think Tank, widmet sie sich nutzerzentrierten und nachhaltigen Lösungen für die Rechtsbranche.

[1] Unter Legal Tech wird allgemein der Einsatz von Technologien in der juristischen Arbeit verstanden. Bei sog. Legal Tech-Portalen werden ganze Rechtsdienstleistungen digitalisiert und (teil-)automatisiert.

[2]  Hellwig, Anwaltsblatt Online 2018, 908, 910.

[3]  Legal Tribune Online, 10.04.2019, Digitalisierung im Anwaltsmarkt – Veränderung ja, Revolution nein, https://www.lto.de/recht/zukunft-digitales/l/studie-digitalisierung-anwaltsmarkt-foris-advoassist-legal-tech-einsatz-veraenderung/ (abgerufen am 03.10.2019).

[4]  Kohlmeier, LR 2018, 42 ff.

[5]  Ehmann, 04.03.2019, Was Sie über Legal Design wissen sollten und warum es das neue Schwarz ist, https://www.soldan.de/insights/was-sie-ueber-legal-design-wissen-sollten-und-warum-es-das-neue-schwarz-ist/ (abgerufen am 03.10.2019).

[6]  https://hpi.de/school-of-design-thinking/design-thinking/was-ist-design-thinking (abgerufen am 03.10.2019).

[7]  Hasso Plattner Institute of Design at Stanford, An Introduction to Design Thinking – Process Guide, https://dschool-old.stanford.edu/sandbox/groups/designresources/wiki/36873/attachments/74b3d/ModeGuideBOOTCAMP2010L.pdf (abgerufen am 03.10.2019).

[8]  Patnaik, 25.08.2009, Forget Design Thinking and Try Hybrid Thinking, https://www.fastcompany.com/1338960/forget-design-thinking-and-try-hybrid-thinking (abgerufen am 03.10.2019).

[9]  https://hpi.de/school-of-design-thinking/design-thinking/was-ist-design-thinking (abgerufen am 03.10.2019).

[10]  https://hpi.de/school-of-design-thinking/design-thinking/was-ist-design-thinking (abgerufen am 03.10.2019).

[11]  Tischler, 02.01.2009,  Ideo’s David Kelley on Design Thinking, https://www.fastcompany.com/1139331/ideos-david-kelley-design-thinking (abgerufen am 03.10.2019).

[12]  http://www.legaltechdesign.com/ (abgerufen am 03.10.2019).

[13]  https://law.stanford.edu/directory/margaret-hagan/#slsnav-policy-practicum (abgerufen am 03.10.2019).

[14]  https://law.stanford.edu/organizations/pages/legal-design-lab/#slsnav-our-mission (abgerufen am 03.10.2019).

[15]  Ehmann, 04.03.2019, Was Sie über Legal Design wissen sollten und warum es das neue Schwarz ist, https://www.soldan.de/insights/was-sie-ueber-legal-design-wissen-sollten-und-warum-es-das-neue-schwarz-ist/ (abgerufen am 03.10.2019).

[16]  https://design.sap.com/designthinking.html (abgerufen am 03.10.2019).

[17]  https://new.siemens.com/ch/de/unternehmen/jobs/was-wir-tun/koitz-neuer-data-center-hub.html (abgerufen am 03.10.2019).

[18]  https://www.dbsystel.de/dbsystel/communities/design-thinking-3710776 (abgerufen am 03.10.2019).

[19]  Kowalewski, 20.10.2018, Arbeitsmarkt für Richter, Anwälte und Co. – Jobchancen für Juristen gut wie nie, https://www.deutschlandfunk.de/arbeitsmarkt-fuer-richter-anwaelte-und-co-jobchancen-fuer.680.de.html?dram:article_id=431093 (abgerufen am 03.10.2019).

[20]  Ausführungen des BGH zu dem Begriffspaar „deutlich lesbar“: BGH, 24.08.1988 – I ZR 144/86, NJW-RR 1989, 301  – Lesbarkeit IV.

[21]  Vitasek, 14.02.2017, Comic Contracts: A Novel Approach To Contract Clarity And Accessibility, https://www.forbes.com/sites/katevitasek/2017/02/14/comic-contracts-a-novel-approach-to-contract-clarity-and-accessibility/#261e2cb37635 (abgerufen am 03.10.2019).

[22]  https://creative-contracts.com/clemengold/ (abgerufen am 03.10.2019).

[23]  https://creative-contracts.com/examples/ (abgerufen am 03.10.2019).

[24]  Ehemals EMEA General Counsel bei Estée Lauder Companies und Chanel.

[25]  https://www.amurabi.eu/what-we-do/compliance-programmes/ (abgerufen am 03.10.2019).

[26]  https://www.amurabi.eu/what-we-do/compliance-programmes/ (abgerufen am 03.10.2019).

[27]  https://justiceinnovation.law.stanford.edu/ (abgerufen am 03.10.2019).

[28]  https://wisemessenger.co/ (abgerufen am 03.10.2019).

[29]  https://cms.law/de/DEU/Online-Services/CMS-Digital/CMS-FPE-Einsatz-von-Fremdpersonal (abgerufen am 03.10.2019).

[30]  Siehe hierzu auch Otto (Tkachenko), Ri 2018, 63.

[31]  Ebenda.

 

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