Ri 03/2018: Sind Geheimnisse noch schützenswert?

Beiträge

Begrüßung

Liebe Leserin, lieber Leser,

wenn etwas in dieser Welt konstant ist, dann die Veränderung. Wir verändern uns: wir wachsen, lernen und altern. Die Welt um uns alle herum verändert sich stetig und wir müssen uns ihr tagtäglich aufs Neue anpassen. Ohne Veränderung gäbe es kein Lernen und keinen Fortschritt. Auch die Digitalisierung gäbe es nicht. Und sie wird garantiert nicht mehr weggehen. Nur hat die Digitalisierung weniger mit Angeboten zur Substitution einzelner analoger Vorgänge und Professionen zu tun, sondern vielmehr mit einem generellen Umdenken und bedarfsgerechten Umverteilen von Ressourcen. Digitalisierung passiert und wir sind schon seit Jahrzehnten mittendrin.

Besonders spannend ist die immer transparenter werdende Gesellschaft, die sich gleichzeitig gegen ihr Gläsernwerden wehrt. Höchstpersönliches wird offen in den sozialen Me- dien geteilt, obwohl die öffentlich kritisch diskutierten Nutzungsbedingungen der Plattformanbieter hiervon abhalten müssten. Die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) wird zum Exportschlager, doch die durchschlagenden Erfolge in Europa feiert man ausweislich österreichischer Klingelschilder eher im Bereich der Satire. In Blockchain-Netzwerken teilt man hingegen bewusst für jedermann einsehbare Informationen, schließlich kann man sich hier pseudonym bewegen. Klingt komisch, ist aber so. Die Transparenz hat hier, trotz Risiken, sogar eine Schutzfunktion. Geheimnisse sind jedoch nicht weniger schützenswert, weil sie den Missbrauch im Verborgenen ermöglichen. Oder doch?

Sind wir bereit, den Schlüssel zu unserem Privatesten, dem Intimsten, einem Fremden zu übergeben? Sind wir bereit, den Schlüssel vor der Haus- oder Wohnungstür aufzuhängen? Brauchen wir Schlüssel überhaupt noch? Oder sind wir uns überhaupt nicht mehr bewusst, welche Spuren wir tagtäglich in der Welt, insbesondere der virtuellen Welt hinterlassen?

In dieser Ausgabe bewegen wir uns in einem kaum auflösbaren Spannungsfeld. Wir öffnen das Heft mit einer Ode an die Transparenz und schließen es mit einem zu entschlüsselnden Geheimnis. Wir wollen ganz bewusst kontrovers diskutieren und jedem die Möglichkeit geben, seinen persönlichen Standpunkt, seine persönlichen Grenzen zwischen den zwei Extremen der umfassenden Transparenz und des umfassenden Geheimnisschutzes zu finden.

Fairness, Gebote und Verbote werden ob der Vernetzung der Menschheit auf lange Sicht neu definiert werden müssen. Im Bereich „Crypto“ erleben wir gerade Versuche der Überschreibung bekannter Begriffe und virtueller Gegenstände sowie den Wandel der Identität hin zur Authentizität. Gesetzgeber, Rechtsanwender und Rechtsadressaten müssen umdenken und sicherstellen, dass Freiheit und Ordnung im Gleichgewicht bleiben können.

Wir wollen die Impulse hierfür geben. 

Herzliche Grüße

Ihre Claudia Otto

Rechtsanwältin,
Herausgeberin und Chefredakteurin

Titelbild: © Zffoto via Adobe Stock, #191831018