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(K)eine Goldwaage?

Wer stellt sich schon gerne auf die (falsche Seite der) Waage? Ein Kommentar zu Facebooks neuestem Coup.

Mirjam Steinfeld

Man könnte annehmen, dass es Facebook am 18. Juni 2019[1] gelungen sei, das Gleichgewicht in der Finanzwelt mit seinen Plänen für eine Zahlungsdienstplattform, die mit ihrem Namen[2] für genau ein vermeintliches Gleichgewicht stehen soll, zu zerstören. Aber was genau wissen wir eigentlich zu diesen „phänomenalen“ Plänen und wie sind diese einzuordnen?

Da die Tinte bei dieser gesamten Thematik noch nicht trocken ist, soll zunächst die Funktionsweise von Libra unter Einbeziehung der im Whitepaper[3] veröffentlichten Ziele (I.) eingegangen werden, um sich sodann der Rolle der Libra-Association (II.) und der daran beteiligten Partner zu widmen. Anschließend wird sich dem Fundament dieses neuen Konstruktes, der Reserve (III.) zugewandt und schließlich die Frage der Kontrolle (IV.) aufgeworfen, um mit einer ganz persönlichen Meinung zu schließen (V.).

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I. Ziele von Libra

Es sollte wohl von vornherein klargestellt werden, dass es sich in diesem Kontext empfiehlt, zwischen den vorgetragenen hehren Zielen und den wohl darunterliegenden ordinär pekuniären Zielen zu unterscheiden.

Die hehren Ziele sind nicht schwer zu finden, begegnen sie einem doch gefühlt in jedem (un)passenden Kontext innerhalb des Whitepapers:

„Die Mission von Libra ist es, eine einfache, globale Währung und eine finanzielle Infrastruktur für Milliarden von Menschen bereitzustellen, die ihnen das Leben erleichtern und sie entsprechend befähigen.[4]

Dabei hat Libra eine ganz besondere Gruppe im Blick:

„1,7 Mrd. Erwachsene weltweit sind nach wie vor vom Finanzsystem ausgeschlossen, haben also keinen Zugang zu einer herkömmlichen Bank, obwohl zwei Drittel von ihnen ein Mobiltelefon mit Internetzugang besitzen.“[5]

Diese Gruppe habe bislang vor allem deshalb nicht am Banken- bzw. Zahlungs- und Finanzsystem teilgenommen, denn

„Auf der ganzen Welt zahlen unvermögende Menschen mehr für Finanzdienstleistungen. Das hart verdiente Einkommen wird durch Gebühren aufgefressen, von Überweisungskosten bis hin zu Überziehungs- und Geldautomatengebühren.“[6]

Für genau diese Menschen, und alle anderen selbstverständlich auch, soll nun Libra geschaffen werden, welche auf folgenden Prinzipien aufbauen soll[7]:

  1. Sie basiert auf einer sicheren, skalierbaren und zuverlässigen Blockchain;
  2. Sie wird durch eine Währungsreserve gestützt, die Libra intrinsischen Wert verleihen soll;
  3. Sie wird durch die unabhängige Libra Association gesteuert, die mit der Entwicklung des Ökosystems beauftragt wurde.

Zu klären ist, ob das so geschaffene oder vielleicht noch zu schaffende Konstrukt wirklich geeignet ist, diese Ziele zu erreichen.

Es stellt sich bereits die Frage, ob ein internationales Konglomerat von multinationalen Unternehmen geeignet bzw. der beste Adressat ist, um in die letzten Winkel dieser Erde vorzudringen, um alle Menschen an „den“ globalen Finanzmarkt anzuschließen. Es stellt sich mithin die Frage nach global oder lokal!

Dabei wird vor allem ignoriert, dass es bereits erfolgreiche lokale Projekte gibt, welche – gerade mittels Mobiltelefon – die bisher Ausgeschlossenen dort abholt wo sie sind: beispielsweise M-Pesa[8]! Ob es also diese „Ausgeschlossenen“ wirklich gibt und ob es wirklich in deren (besten) Interesse ist, direkt von 0 auf 100 in den internationalen Zahlungsverkehr eingeschlossen zu werden, sind Fragen, die hier leider nicht beantwortet werden können. Es sind jedoch Fragen, die der Leser sich bei der Bewertung der philanthropisch anmutenden Ziele stellen sollte.

Diese Ziele will Libra erreichen, indem es eine Zahlungsdienstplattform bereitstellt, welche auf den Prinzipien der Blockchain[9] aufbaut und hierfür die eigens geschaffene Programmiersprache Move[10] verwendet. Gleichzeitig wird Libra zunächst als geschlossenes Netzwerk aufgebaut, bei dem nur die Gründungsmitglieder „Validator Nodes“ betreiben.[11] Mittelfristig, mithin innerhalb von 5 Jahren[12], soll das Netzwerk dann auf ein offenes Netzwerk umstellen. Wie dies erfolgen soll und wie sodann die Sicherheit des Netzwerkes sichergestellt bleiben soll, bleibt das Geheimnis von Facebook.

Diese neue Programmiersprache Move soll u.a. dazu dienen, dass auf Grundlage dieser Open-Source-Software Entwickler weltweit die Möglichkeit haben sollen, ihre Services „on Top“ zu bauen und anzubieten[13]. Zwar mag sich hiermit die theoretische Möglichkeit bieten, dass so allen Markteilnehmern eine faire Chance geboten wird und gleichzeitig die Möglichkeit besteht, lokalen Eigenheiten zu entsprechen. Wie fair diese Chance jedoch ist, wenn – zumindest vordergründig – unter den Gründungsmitgliedern Player wie MasterCard, Visa etc. stehen, mag ein jeder selbst beurteilen.

Das tatsächlich Besondere an Libra soll der Ausgleich bzw. die Ausgeglichenheit zwischen den Einheiten der Kryptowährung Libra einerseits und der Deckung dieser Einheiten in Fiat-Währungen oder Anlagen andererseits[14] sein. Theoretisch würde bzw. könnte dies tatsächlich dazu führen, dass die Libra damit kein erhöhtes Spekulationsobjekt ist, da sie ja durch reale (und hoffentlich weit gestreute) Werte gedeckt wäre und damit nicht alleine auf der Grundlage des in sie gesetzten Vertrauens gehandelt werden könnte oder würde. Facebook will also mit Libra einen präventiven Erfolg im Bereich der „Stable Coins“ landen.[15]

Es drängt sich jedoch sogleich die nächste Problematik auf: Angenommen Facebook erreicht sein Ziel und sammelt 1,5 Milliarden Euro durch die Gründungsmitglieder ein und würde es zudem schaffen, von den ca. 2 Milliarden Facebook-Nutzern nur etwas über jeden Dritten (ca. 750.000.000) dazu zu bewegen, 100 EUR in Libra zu tauschen, so müssten insgesamt 76,5 Milliarden EUR gesichert werden! Würden dagegen alle Facebook-Nutzer nur 100 EUR tauschen, so müssten sich die Sicherheiten auf 201,5 Milliarden EUR belaufen![16]

Diese gewaltige Summe soll sodann hinsichtlich ihrer Investitionen, Ausschüttung und Verwendung durch die Libra Association gesteuert, überwacht und kontrolliert werden. Eine Vereinigung, in der die (teilweise bereits benannten) Gründungsmitglieder und nur diese vertreten sind (für mehr siehe II.)!

Es drängt sich somit der Eindruck auf, als ob hier milliardenschwere, multinationale Unternehmen unter dem Deckmantel der „Weltverbesserung“ schlicht und ergreifend nur bemüht sind, ihre „Pole-position“ in den nächsten Markt zu übertragen und dabei ein gutes Geschäft mit den getauschten Fiat-Geldern der User zu machen (s.u. III.).

II. Die Libra Association

Die Libra Association soll zwar nicht Herz und Seele des ganzen Unterfangens, dafür aber Kopf, Verstand und Auge sein.

Zum besseren Verständnis der Funktionsweise von Libra und der Libra Association sei daher zunächst auf das folgende Schaubild verwiesen:

Quelle: Darstellung der Autorin anhand der Angaben im Whitepaper

Libra soll, wie der Name impliziert, folglich zweigeteilt sein: Die linke Hälfte ist die Reserve, welche in Fiat-Währungen oder Anlagen mindesten dem gleichen Wert in Libra (rechte Hälfte) entsprechen soll. Hierfür leisten die Partner (Gründungsmitglieder) einen Beitrittsbeitrag von min. 10 Mio. USD[17]. Die weitere Reserve wird durch die User finanziert[18], welche ihre jeweilige Fiat-Währung umtauschen (sprich in die Reserve einzahlen) und hierfür im Gegenzug das Äquivalent an Libra erhalten.

Die Libra Association hat dabei die Aufgabe eines Aufsichtsgremiums[19], dass die (aus der gesamten Reserve) generierten Zinsen für die Investition in die Verwaltung der Reserve oder Verbesserung der Zahlungsdienstplattform an sich verwenden soll[20]. Die verbleibenden Zinsen sollen sodann an die Partner (anteilig zu ihren jeweiligen Beiträgen[21]) ausgekehrt werden[22]. Die User der Plattform erhalten hingegen keine Zinsen.[23] Vielmehr müssen diese für jede Transaktion eine prozentuale Gebühr (in Libra) bezahlen.[24]

Die Libra Association selbst ist, passend zu den philanthropischen Zielen von Libra, eine non-profit Organisation mit Sitz in der Schweiz.[25] Ein Standort, der – ausweislich des Whitepapers – ausschließlich zugunsten der legislativen Kompetenz im Bereich Blockchain und Finanzen gewählt wurde.[26]

Damit die durch die Association getroffenen Entscheidungen auch stets allen Beteiligten zugute kommen, erhält jeder Partner anteilsmäßige Stimmen, wobei zur Vermeidung von Machtkonzentration eine (nicht näher konkretisierte) Obergrenze existieren soll.[27] Facebook selbst ist hier nicht vertreten, da, um Kritikern vorzugreifen, direkt die eigene Tochtergesellschaft Calibra gegründet wurde.[28]

Bei den anderen Gründungsmitgliedern soll es sich um eine Liste[29] handeln, die sich sehen lässt:

  • Zahlungsdienstleistungen: Mastercard, Mercado Pago, PayPal, PayU (Naspers‘ fintech arm), Stripe, Visa
  • Technologie und Märkte: Booking Holdings, eBay, Facebook/Calibra, Farfetch, Lyft, Spotify AB, Uber Technologies, Inc.
  • Telekommunikation: Iliad, Vodafone Group
  • Blockchain: Anchorage, Bison Trails, Coinbase Inc., Xapo Holdings Limited
  • Risikokapital: Andreessen Horowitz, Breakthrough Initiatives, Ribbit Capital, Thrive Capital, Union Square Ventures
  • Gemeinnützige und multilaterale Organisationen sowie akademische Institute: Creative Destruction Lab, Kiva, Mercy Corps, Women‘s World Banking

Von diesen Gründungspartnern hat bislang jedoch ausschließlich Bison Trails die ernsthafte Zusammenarbeit bestätigt.[30] Mastercard hat lediglich ein allgemeingehaltenes Statement herausgegeben, bei dem Libra noch nicht einmal namentlich erwähnt wird[31]. Visa hat in seinem öffentlichen Statement an Libra explizit bekundet,[32] bei genauerer Nachfrage erklärte deren CEO Alfred F. Kelly Jr. am 23.07.2019 hierzu jedoch, dass Visa seinen Beitrittsbeitrag noch nicht bezahlt hat, bislang nur eine unverbindliche Absichtserklärung unterzeichnet hat und man überhaupt zunächst noch die rechtliche und faktische Klärung abwarten möchte, bevor eine endgültige Entscheidung getroffen wird.[33]

Es bleibt somit auch abzuwarten, ob es Libra gelingen wird die avisierten 100 Gründungsmitglieder bis zum Start im ersten Halbjahr 2020[34], die auch den strengen Zugangsvoraussetzungen[35] entsprechen, wird werben können. Der Unwille der bisherigen Partner sich offen zu binden[36], lässt jedenfalls annehmen, dass zu Beginn des ersten Halbjahres 2020 kaum die erwünschte Anzahl an Gründungsmitgliedern zusammenkommen wird, was auch an dem erheblichen Gegenwind[37] seitens verschiedener Verbraucherschutz-Organisationen, insbesondere in den USA, liegen dürfte.

III.  Reserve

Wie bereits dargestellt, soll der Hauptunterschied zwischen Libra und anderen Kryptowährungen die finanzielle Reserve, vergleichbar mit dem Goldstandard[38], sein.[39]

Diese Reserve wird, sofern der selbst auferlegte Goldstandard eingehalten wird, potenziell ein erhebliches Ausmaß erreichen. Mit diesem Ausmaß gehen auch entsprechende Risiken und Fragwürdigkeiten (bzgl. der Zinsen) einher.

1. Run for your money!

So sollte klar sein, dass es nicht möglich sein wird, sämtliche Libra durch Fiat-Währungen zu decken.[40] Folglich wird, und so ist es auch vorgesehen[41], ein erheblicher Teil der Reserve in andere Finanzinstrumente angelegt werden (müssen). Dies soll zwar möglichst sicher bzw. konservativ erfolgen, nichtsdestotrotz bleibt damit das Problem bestehen, wie alle Libra im Falle eines Bankensturms innerhalb kürzester Zeit umgetauscht und ausbezahlt werden sollten, wenn ein Großteil in Anlagen gebunden ist.

Selbstverständlich handelt es sich hierbei um kein neues Problem, im Gegenteil: Spätestens seit der letzten Finanzkrise hat die Politik (zumindest innerhalb der EU) hierauf reagiert und den Finanzinstituten einerseits harte Regelungen hinsichtlich ihres Eigenkapitals auferlegt[42] und andererseits Sicherheiten für die Kleinsparer ausgesprochen. Hierbei handelt es sich jedoch um Regelungen, welche ausschließlich auf die entsprechenden Finanzinstitute anzuwenden sind, so dass es derzeit unklar ist, ob einerseits Libra hiervon überhaupt erfasst werden würde und andererseits, wer für den Verlust des (globalen) Kleinstsparers, der ja durch Libra überhaupt erst in den Finanzmarkt geholt werden soll, aufkommen soll.

Es sind wohl Überlegungen wie diese, die große Player wie Visa davor zurückschrecken lassen, bereits in diesem Stadium ein ernsthaftest „Commitment“ abzugeben.

2. Lass mich an Deinem Geld verdienen!

So polemisch das auch klingen mag, aber so in ungefähr könnte man die „Zinspolitik“ der Libra Association beschreiben: Die Reserve wird zu einem kleinen Bruchteil aus den Einlagen der Gründungsmitglieder und zur überwiegenden Mehrheit durch die User bezahlt. Aus diesem Gesamttopf „Reserve“ erhalten jedoch nur die Gründungsmitglieder eine Dividende (Zinsen).

Um diese Schräglage zu visualisieren ein kurzes Rechenbeispiel:

Hierdurch sollte ausreichend veranschaulicht sein, warum es sich bei dem vorliegenden Konstrukt, um ein lohnendes Unternehmen auf Seiten der Gründungsmitglieder handelt. Die Frage, warum nun aber die User ihr Geld hergeben sollen, damit andere an diesen Zinsen verdienen, während sie selbst auch noch Transaktionsgebühren zahlen, wird sich – mir zumindest – bis auf weiteres nicht erschließen. Nicht nur, dass der Einzelne ein absolutes Minusgeschäft mit seinem eingetauschten Fiat-Geld macht, er trägt auch zu einer gefährlichen Machtkonzentration bei!

IV. Kontrolle und Rolle von Facebook

Es soll im Folgenden nicht darum gehen, Facebook als die Quelle allen Übels darzustellen. Dies würde Facebook einerseits eine Rolle zuschreiben, die dessen tatsächlicher Wichtigkeit nicht entspricht und anderseits würde es übersehen, dass Facebook (und assoziierte Unternehmen) nur so wichtig (oder „böse“) ist, wie dessen User es zulassen.

1. Das Ungleichgewicht kalibrieren

Wie bereits eingangs beschrieben, war Facebook bemüht, einen Präventivschlag zu landen und hatte daher bewusst das gesonderte Unternehmen Calibra gegründet. Hierzu heißt es:

„Während des Jahres 2019 behält Facebook voraussichtlich jedoch weiterhin eine führende Rolle. Facebook hat Calibra, ein reguliertes Tochterunternehmen, gegründet, um eine angemessene Trennung zwischen sozialen und finanziellen Daten zu gewährleisten. Außerdem wird Calibra im Namen von Facebook Dienstleistungen im Libra-Netzwerk aufbauen und betreiben. Sobald das Libra-Netzwerk gestartet ist, werden Facebook und seine verbundenen Unternehmen dieselben Pflichten, Privilegien und finanziellen Verpflichtungen wie alle anderen Gründungsmitglieder haben. Als ein Mitglied unter vielen wird Facebooks Rolle in der Steuerung der Association dieselbe sein wie die der anderen Mitglieder.“[43]

Demnach soll Facebook zwar (in)direkt anfangs eine tragende Rolle haben, sich dann aber zunehmend zurückziehen, bis es eines unter vielen Unternehmen ist. Mit anderen Worten: Wenn erst einmal alle grundlegenden Entscheidungen getroffen sind, die Marschroute der nächsten, vor allem ersten und wichtigen, Jahre festgelegt ist, dann soll Facebook sich mit seiner „demokratisch“ zugedachten Rolle zufrieden geben?

Wenn dies die tatsächliche Rolle sein soll, so mag vielleicht nur ein Schelm Böses bei der Namensgebung des hierfür aus der Taufe gehobenen Unternehmens denken:

Calibra – Kalibrieren: auf ein genaues Maß bringen, ausrichten.[44]

Facebook hat sich also mit seiner eigens gegründeten Tochtergesellschaft für die Zahlungsdienstplattform auf die Fahnen geschrieben, dass diese Tochter die Plattform auf Maß bringen, sie ausrichten soll. Gleichzeitig will man sich mit seinem hervorgehobenen Einfluss alsbald (nachdem ohnehin alles passend eingerichtet ist?) zurückziehen? Eine Persiflage sondergleichen auf die humanistisch anmutenden, lateinisch angelehnten Namen und vermeintlich altruistischen Ziele.

Aber selbst wenn man annehmen sollte, dass Facebook mittels seines eigens kreierten Vehikels keinen gesonderten Einfluss auf Libra einnehmen würde, so wäre die (wohl) größte Sorge immer noch nicht gebannt: Die (personenbezogenen) Daten!

2. Daten, Daten und immer mehr Daten!

Facebook hat sich in der Vergangenheit und ganz aktuell[45] nicht gerade als Musterschüler in Sachen Datenschutz, Datensicherheit und Datentrennung hervorgetan.[46] So hatte Facebook ursprünglich beim Kauf von WhatsApp[47] kundgetan, dass es die Daten der verschiedenen User stets strikt getrennt handhaben würde[48], nur um später zu vermelden, dass es genau das nicht tun wird.[49]

Es ist wohl vor genau diesem Hintergrund, dass die Ankündigung Facebooks, mit/durch Calibra nun das „Libra-Projekt“ zu starten, bei den meisten Gesetzgebern, Daten- und Verbraucherschützern die Alarmglocken hat schrillen lassen.

Eine akkurate und pointierte Zusammenfassung der Bedenken wurde durch die Vorsitzende des Ausschusses des Kongresses zu Finanzdienstleistungen, Maxine Waters, direkt auf die Ankündigung von Facebook am 19.06.2019 hin veröffentlicht[50]:

“Facebook has data on billions of people and has repeatedly shown a disregard for the protection and careful use of this data. […] Facebook has also been fined large sums and remains under a Federal Trade Commission consent order for deceiving consumers and failing to keep consumer data private, and has also been sued by the government for violating fair housing laws on its advertising platform.

“With the announcement that it plans to create a cryptocurrency, Facebook is continuing its unchecked expansion and extending its reach into the lives of its users. The cryptocurrency market currently lacks a clear regulatory framework to provide strong protections for investors, consumers, and the economy. Regulators should see this as a wake-up call to get serious about the privacy and national security concerns, cybersecurity risks, and trading risks that are posed by cryptocurrencies. Given the company’s troubled past, I am requesting that Facebook agree to a moratorium on any movement forward on developing a cryptocurrency until Congress and regulators have the opportunity to examine these issues and take action. Facebook executives should also come before the Committee to provide testimony on these issues.”

Nachdem durch den o.g. Ausschuss derart erhebliche Bedenken und sogar die Aufforderung zu einem Moratorium veröffentlicht wurde, kam es zu einer Anhörung vor besagtem Ausschuss bei dem u.a. Robert Weissman von der Bürgerbewegung Public Citizen die Problematik der Engagements von Facebook hervorragend auf den Punkt brachte, wonach[51]:

  • Mit überwältigender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen ist, dass die Dominanz von Facebook in den sozialen Medien ausgebaut und vertieft wird, mit schädigender Wirkung für den Wettbewerb;
  • Libra systemisch wichtig werden würde, aber ohne die Kontrollen der Finanzinstitute zum Schutz vor diesen systemischen Risiken
  • Libra könnte die beteiligten Unternehmen zu einem Leviathan der Unternehmensüberwachung machen und diesen Unternehmen eine dramatisch verbesserte Macht über Informationsflüsse auf unsere Wirtschaft geben.
  • Gefährdet die Fähigkeit der Nationen, ihre eigene Geldpolitik zu betreiben und Maßnahmen zur Bewältigung von Währungskrisen zu ergreifen; und
  • wird Kriminelle zu Steuerhinterziehung, organisierten kriminellen Handlungen (Geldwäsche) und anderem einladen, die sich allesamt beeilen werden, die Vorteile des Systems so lange wie möglich zu nutzen.

Die Liste an Bedenken gegenüber Libra ließe sich wahrscheinlich um einiges fortführen, stattdessen soll der Blick auf einen letzten, wenngleich immens wichtigen Aspekt geworfen werden.

3. Geldwäsche – war da nicht was?

Wie genau soll Libra ihren Pflichten in Bezug auf Geldwäscheprävention (AML) eigentlich entsprechen? Das Ziel von Libra soll schließlich sein, bis in den letzten Winkel der Erde vorzudringen und jeden zu befähigen, über diese Plattform „sein“ Geld gegen Libra einzutauschen.

Libra teilt hierzu nur mit, dass der Erwerb von Libra ausschließlich über autorisierte Wiederverkäufer erfolgen soll.[52] Aus dem dortigen Zusammenhang folgt jedoch, dass hierbei nicht an AML gedacht wurde, sondern dass vielmehr durch diese Institution die Ausgewogenheit zwischen der Reserve und den ausgegebenen Libra sichergestellt werden soll.

Hinsichtlich der avisierten AML-Maßnahmen wird lediglich erklärt[53]:

„Wie bei allen Währungs- oder Finanzökosystemen werden böswillige Nutzer versuchen, das Libra- Netzwerk auszubeuten. Auch wenn das Netzwerk über einen Internetzugang für alle offen und zugänglich ist, müssen die Netzwerkendpunkte in Form von Börsen und Wallets den Gesetzen und Vorschriften des zuständigen Rechtssystems entsprechen und außerdem muss eine Zusammenarbeit mit Behörden sichergestellt sein. Darüber hinaus ist die Ledger-Datenbank in der Libra-Blockchain wie bei vielen anderen Blockchains öffentlich einsehbar. Damit ist es Dritten möglich, Analysen durchzuführen und Betrug zu erkennen und zu bestrafen.“

Wie Facebook bzw. Calibra sich u.a. auf die neue europäische Geldwäscherichtlinie[54] und die daraus resultierenden Pflichten für Walletbetreiber[55] einstellen will, wird nicht erklärt.

Es mag auch an fehlender Phantasie liegen, jedoch scheint es ein schier unmögliches Unterfangen zu sein, ein System aus durchgreifenden AML-Maßnahmen bis in die letzte und entlegenste Provinz zu entfalten, um so sicherzustellen, dass das Schwarzgeld sich nicht seine Einfallstore sucht und somit (gegebenenfalls) die Libra aller gutgläubigen Nutzer infiziert und somit im schlimmsten Fall sogar wertlos macht.

V. Fazit

Den geneigten Leser sollte es an dieser Stelle wenig überraschen, dass ich keine Begeisterung für das „Libra-Projekt“ hege. Dabei finde ich die Idee einer Zahlungsdienstplattform, die tatsächlich alle Menschen befähigt am globalen Markt teilzunehmen, äußerst charmant. Die Frage ist nur, ob dies (wieder einmal) mit quasi imperialistischen Methoden erfolgen soll. Damals war das vordergründige, „anthroposophische“ Ziel die „unterentwickelten“ Völker in den Genuss der Vorteile der Zivilisierung zu bringen.

Es verbleibt bei mir der Eindruck, dass es zu viele Unterschiede in den einzelnen Märkten gibt, die es zu kultivieren und in ihrer eigenen Zeit wachsen zu lassen gilt, anstelle sie alle über einen Kamm zu scheren und somit die bereits (u.a. genau deshalb) existenten Probleme der Weltwirtschaft zu verfestigen/verschlimmern.

Selbstverständlich bleibt es einem jeden Facebook-, Instagram– oder Whatsapp-User unbenommen, seine bisherige Datenflut in Richtung Facebook nun noch um sein konkretes Zahlungs- bzw. Kaufverhalten zu erweitern und dieses Mal nicht nur mit seinen Daten, sondern auch mit seinem Geld hierfür zu zahlen. Der Anthroposoph in mir zwingt mich jedoch dazu anzunehmen, dass es sich hierbei um aufgeklärte Individuen handelt, denen es freisteht sich bestimmten Entwicklungen unserer Zivilisation anzuschließen oder eben sich diesen zu verschließen.

Und so möchte auch ich schließen:[56]

Journalist: Mr. Gandhi, what do you think of Western civilisation?

Mr. Gandhi: I think it would be a good idea.

V

V


[1]  Libra, https://newsroom.fb.com/news/2019/06/coming-in-2020-caLibra/, zuletzt besucht am 12.08.19.

[2]  Libra = engl. Sternzeichen Waage bzw. altrömisches Gewichtsmaß

[3]  Libra Whitepaper, https://Libra.org/en-US/white-paper/#introducing-Libra, zuletzt besucht am 10.08.2019.

[4]  Libra Whitepaper, https://Libra.org/de-DE/white-paper/, zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 3/12].

[5]  Libra Whitepaper, https://Libra.org/de-DE/white-paper/, zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 1/12].

[6]  Libra Whitepaper, https://Libra.org/de-DE/white-paper/, zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 1/12].

[7]  Libra Whitepaper, https://Libra.org/de-DE/white-paper/, zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 3/12].

[8]  Birnbach, Ri 2017, 77 (81); Muchoki, Gitiri, Bruckhuisen in Ri-nova 2018, ab S. 2.

[9]  Libra Whitepaper,https://Libra.org/de-DE/white-paper/, zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 5/12].

[10] Libra Whitepaper, https://Libra.org/de-DE/white-paper/, zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 5/12].

[11]  Libra Whitepaper, https://Libra.org/de-DE/white-paper/, zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 4/12].

[12] Libra Whitepaper, https://Libra.org/de-DE/white-paper/, zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 9/12].

[13] Libra Whitepaper, https://Libra.org/de-DE/white-paper/, zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 4/12].

[14]  Vergleichbar mit der Idee des Goldstandards.

[15]  Zum Begriff siehe Goodman, Ri 2019, 79 f.

[16]  Zum Vergleich: Der weltweit größte Fond, der Statens pensjonsfond aus Norwegen, hält zur Zeit ca. 828 Milliarden EUR.

[17]  https://www.btc-echo.de/facebook-coin-Libra-enthuellt-der-pseudo-bitcoin/, zuletzt besucht am 10.08.2019.

[18]  https://Libra.org/de-DE/about-currency-reserve/#the_reserve, zuletzt besucht am 12.08.2019 [PDF S. 2/4].

[19]  https://Libra.org/de-DE/association-council-principles/#goals_and_principles, zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 1/12]

[20]  https://Libra.org/de-DE/association-council-principles/#goals_and_principles, zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 1/12].

[21]  https://Libra.org/de-DE/association-council-principles/#goals_and_principles, zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 11/12].

[22]  https://www.btc-echo.de/facebook-coin-Libra-enthuellt-der-pseudo-bitcoin/, zuletzt besucht am 10.08.2019.

[23]  https://Libra.org/de-DE/about-currency-reserve/#the_reserve, zuletzt besucht am 12.08.2019 [PDF S. 2/4].

[24]  Libra Whitepaper, https://Libra.org/de-DE/white-paper/, zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 7/12].

[25]  https://Libra.org/de-DE/association-council-principles/#goals_and_principles. zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 1/12].

[26]  Libra Whitepaper, https://Libra.org/de-DE/white-paper/. zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 8/12].

[27]  https://Libra.org/de-DE/association-council-principles/#goals_and_principles. zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 3/12].

[28]  https://Libra.org/de-DE/association-council-principles/#goals_and_principles, zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 1/12].

[29]  Libra Whitepaper, https://Libra.org/de-DE/white-paper/, zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 4/12].

[30]  https://www.nytimes.com/2019/06/25/technology/facebook-Libra-cryptocurrency.html, zuletzt besucht am 10.08.2019.

[31]  https://www.nytimes.com/2019/06/25/technology/facebook-Libra-cryptocurrency.html, zuletzt besucht am 10.08.2019.

[32]  https://www.visa.de/visa-everywhere/blog/bdp/2019/06/18/visa-plant-beitritt-1560845782382.html, veröffentlicht am 18.06.2019, zuletzt besucht am 10.08.2019.

[33]  https://s1.q4cdn.com/050606653/files/doc_financials/2019/Q3/CORRECTED-TRANSCRIPT-Visa-Inc.(V-US)-Q3-2019-Earnings-Call-23-July-2019-500-PM-ET.pdf, zuletzt besucht am 10.08.2019.

[34]  Whitepaper, Librahttps://Libra.org/de-DE/white-paper/ zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 4/12].

[35]  https://Libra.org/de-DE/becoming-founding-member/#overview, zuletzt besucht am 12.08.2019.

[36]  https://www.nytimes.com/2019/06/25/technology/facebook-Libra-cryptocurrency.html, zuletzt besucht am 10.08.2019.

[37]  https://openmarketsinstitute.org/wp-content/uploads/2019/07/Libra-Action-Letter-FINAL.pdf, zuletzt besucht am 10.08.2019.

[38]  Das Währungsordnung des Goldstandards besagt, dass jede durch die Nationalbank ausgegebene Einheit im gleichen Wert durch eingelagertes Gold gedeckt wird. So bspw. die Reichsmark 1871 in Deutschland (https://de.wikipedia.org/wiki/Goldstandard), zuletzt besucht am 12.08.19.

[39] Libra Whitepaper, https://Libra.org/de-DE/white-paper/, zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 7/12].

[40]  Goodman, Ri 2019, 79 f.

[41]  https://Libra.org/de-DE/about-currency-reserve/#the_reserve, zuletzt besucht am 12.08.2019 [PDF S. 2/4].

[42]  https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/regulierung-das-steckt-hinter-basel-iv/24582280.html?ticket=ST-7687174-R5bDeRLNtw1XYm6Z3nEZ-ap4, zuletzt besucht am 13.08.19.

[43]  https://Libra.org/de-DE/association-council-principles/#goals_and_principles, zuletzt besucht am 12.08.19 [PDF S. 1/12].

[44]  https://www.duden.de/rechtschreibung/kalibrieren, zuletzt besucht am 12.08.2019.

[45]  https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/facebook-liess-sprachnachrichten-seiner-nutzer-abtippen-a-1281807.html zuletzt besucht am 14.08.2019

[46]  https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/facebook-soll-5-milliarden-dollar-strafe-zahlen-16284674.html, zuletzt besucht am 12.08.2019.

[47]  https://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/kauf-abgeschlossen-whatsapp-gehoert-jetzt-zu-facebook/10800722.html?ticket=ST-7043824-nzqmvkAml9FiqtiLsHZB-ap4, zuletzt besucht am 12.08.2019.

[48]  https://www.spiegel.de/netzwelt/apps/was-facebook-mit-ihren-whatsapp-daten-macht-a-1148318.html, zuletzt besucht am 12.08.2019.

[49]  https://www.br.de/nachrichten/netzwelt/whatsapp-kauf-was-von-facebooks-versprechen-uebrig-blieb,RIW9X44, zuletzt besucht am 12.08.2019.

[50]  https://financialservices.house.gov/news/documentsingle.aspx?DocumentID=403943, zuletzt besucht am 10.08.2019.

[51]  https://www.commondreams.org/newswire/2019/07/17/facebook-cant-be-trusted-regulators-are-unprepared, zuletzt besucht am 10.08.2019.

[52]  https://Libra.org/de-DE/about-currency-reserve/#the_reserve, zuletzt besucht am 12.08.2019 [PDF S. 3/4].

[53]  https://Libra.org/de-DE/about-currency-reserve/#the_reserve, zuletzt besucht am 12.08.2019 [PDF S. 3/4].

[54]  DIRECTIVE (EU) 2018/843 OF THE EUROPEAN PARLIAMENT AND OF THE COUNCIL vom 30. Mai 2018.

[55] Steinfeld, Ri 2019, 34 (42).

[56]  https://www.nytimes.com/2004/01/21/opinion/meanwhile-gandhi-for-one-would-have-found-it-funny.html, zuletzt besucht am 13.08.2019.

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