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Der fabelhafte Krypto-Krimi

Von Tatorten in einer anderen Welt

Claudia Otto

Die Kryptowelt ist eine Scheinwelt. Eine Welt, die den meisten Menschen fremd ist und mit der viele fremdeln; dort, wo sie beansprucht, nahtlos in die bekannte reale Welt überzugehen. Mangels Erfahrung sind Menschen nur schwer in der Lage, den Wahrheitsgehalt ihrer Inhalte einzuschätzen. Der sie umgebende und schöne Schein ist dabei geradezu ein Erkennungszeichen, denn in der Kryptowelt wird das Vielleicht zur Tatsache. So erklärte Alfred F. Kelley, Jr, der Chairman und CEO von Visa, Inc., dass – entgegen den Darstellungen in den Medien – noch kein Unternehmen offiziell Teil des Facebook Projekts Libra ist. Alle hätten lediglich unverbindliche Absichtserklärungen abgegeben, d.h. nicht mehr als ein Interesse an dem Projekt bekundet.[1] Das erinnert stark an Warnungen vor sog. Scam-ICOs, bei denen auf Projekt-Webseiten nicht selten Prominente und namhafte Persönlichkeiten als Berater und Unterstützer aufgeführt werden – ohne dass sie in dieser Funktion aktiv sind oder gar von ihrer neuen Tätigkeit wissen.[2] Es stellt sich bis heute die Frage, woran man redliche Anbieter und Angebote eigentlich erkennen kann.

Die Antwort ist: Positiv formulierter Rat ist schwierig. Benennt man einmal Positivmerkmale, können diese auch bewusst zum Zwecke der Täuschung verwendet werden. Sie sind daher nur von geringer Haltbarkeit. Wichtiger und sinnvoller ist es, von Fehlern und Fallbeispielen aus der Vergangenheit zu lernen. Für diese Zwecke eignet sich kein besseres stilistisches Mittel als die Fabel.

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Der Fuchs und Rechtsanwalt Rabe[3]

Er nannte sich „der Fuchs“.

Er konnte IT.

Er konnte ein bisschen Recht.

Er konnte Verkaufen.

Der Fuchs hatte eine Idee. Um sich herum saß das Geld locker, wenn „Token“ zur Sprache kamen. Token waren ein Synonym für schnellen Reichtum geworden. Doch ihm war das Risiko stets bewusst: Für Token zahle er keinen Cent. Er brauchte jemanden, der ihm den Reichtum ohne jeden Aufwand zuteil kommen ließ.

Auf seinem Weg durch das Netz stieß er auf eine Rechtsanwaltskanzlei. Diese warb besonders laut und aggressiv für „Expertise in Sachen Krypto“. Der Inhaber, Rechtsanwalt Rabe, wusste, Token waren ein Synonym für schnellen Reichtum.

Der Fuchs, eben ein echter Fuchs, sprach den Rechtsanwalt an:

„Ich plane ein sog. Token Generation Event, um 50 Millionen Euro einzunehmen. Ihre große Expertise ist weitläufig bekannt, drum wende ich mich an Sie. Die von den Einnahmen zu leistende Vergütung fällt in Anbetracht Ihres Status natürlich entsprechend hoch aus. Kann ich auf Sie als ausgewiesenen Krypto-Experten zählen?“

Rechtsanwalt Rabe schnappte nach Atem. Dann nach den Zeitungen, die seinen Namen feierten.

Welch Ehr‘!

Fuchs jedoch ließ bald die Falle zuschnappen. Er nahm die eingenommenen Millionen und übersandte Rabe noch eine E-Mail:

„Sehr geehrter eitler Pfau,

welch‘ Glück ich doch habe, dass Ihr Name Millionen wert ist. So kann ich das Geld guten Gewissens an mich nehmen.“

 

Der Fuchs und der Traubencoin[4]

Fuchs hatte seine Millionen schnell verspielt und fühlte seinen Hunger wieder erstarken. Auf seinem Weg durch das Netz wurde ihm klar: Die alte Tour funktioniert nicht zweimal. Auch Rabe hatte dazugelernt. Fuchs fand jedoch ein Angebot, das ihm nur allzu verlockend erschien:

Den Traubencoin. Tokenisierte süße Trauben, die durch ihre Umwandlung in Wein an Wert gewinnen sollten. In dem Bewusstsein, dass Wein stets getrunken wird, schlug er zu und erwarb 50 Millionen Traubencoins. Jeder Traubencoin sollte von einer Traube ge-backed sein.

Sodann begab er sich zum bezeichneten Weingut, dessen Trauben er glaubte erworben zu haben. Die Trauben waren für ihn jedoch unerreichbar. Sehnsüchtig schritt er um das Weingut und wollte die Trauben zählen. Er kam kaum über die Zahl Tausend. Die Reben und wenigen Trauben waren vertrocknet. Die meisten Reben waren leer.

Er klingelte und wollte den Betreiber des Weinguts sprechen. Ihn nach dem Verbleib seiner Trauben fragen. Niemand reagierte.

Nach mehreren Versuchen sagte sich Fuchs:

„Die Trauben können eh nicht zu Wein gemacht werden. Im nächsten Jahr sind sie viel mehr wert und ich reich.“

 

Der Fuchs und die Esel[5]

Der Fuchs hatte mit einer Gruppe Eseln Freundschaft in einem Internet-Forum geschlossen. Gemeinsam klagten sie über ihren Traubenverlust. Gemeinsam hofften sie auf bessere Zeiten. Gemeinsam schmiedeten sie Pläne für die Zukunft. Fuchs bot aktiv seine Hilfe bei der Rückabwicklung des Traubengeschäfts an, schließlich verfügte er über juristisches Wissen.

Der Traubencoin-Anbieter Löwe wurde auf die Aktivitäten des Fuchses aufmerksam. Aus Angst erstellte dieser eine Website für die Esel. Fuchs erklärte dem Löwen, dass er die Esel dem Löwen zum Fraß vorwerfen wolle. Die Website solle sie jedoch glauben lassen, ihre Rechte gegenüber dem Löwen geltend zu machen. Der Löwe war einverstanden.

Fuchs lockte nun die Esel auf seine Website, wo sie sämtliche persönliche Daten eingaben. Sie wähnten sich dank ihres Freundes Fuchs in Sicherheit. Fuchs informierte den Löwen, dass nun die Esel in der Falle seien. Er könne sich nun bedienen.

Der Löwe jedoch erstattete Strafanzeige gegen den verräterischen Fuchs, um seinen eigenen Ruf in der Öffentlichkeit reinzuwaschen. Die vertrauensseligen Esel waren ihm schließlich sicher.

 

Der Esel und das Päckchen, das er zu tragen hatte[6]

Einer der vertrauensseligen Esel gelangte in die sozialen Medien und wollte für den Löwen und seine Traubencoins werben. Dies nicht nur aus Freundschaft, sondern vor allem um die eigens aufgeladene finanzielle Last zu reduzieren. Wenn er mit erfrischenden Aussagen viele neue Traubencoin-Nachfrager finden würde, würde der Wert steigen. Seine spritzigen Äußerungen kamen gut an, der Wert der Traubencoins schien zu steigen.

Der Esel fühlte sich wunderbar und einflussreich. Er nutzte die Gelegenheit, von seinem letzten Ersparten besonders günstige Möhren-Token zu erwerben. Schließlich wusste er nun, wie er reich werden könne.

Begeistert von seinen Kenntnissen und den Möglichkeiten sozialer Medien begab er sich wieder in die Timeline und bewarb Möhrencoins. Der Möhrencoin blieb jedoch unverändert wertlos.

 

Der Esel und die Ziege[7]

Nachdem der Esel mit dem Möhrencoin alles verloren hatte, arbeitete er hart für einen Bauern – ganz in der Nähe des Weinguts mit seinen Trauben, die hoffentlich im nächsten Jahr kommen sollten. Er bekam gutes Essen, damit er für die Arbeit bei Kräften bleiben konnte. Er genoss den Abstand zur Kryptowelt, die ihm so viel Schmerz bereitet hatte. Gleichzeitig baute er auf die Chancen des Hodlns.

Auf dem Hof lebte auch eine Ziege. Sie ärgerte sich darüber, dass sie nicht gleichermaßen gut versorgt wurde. Dass sie nicht dieselbe Arbeit leisten musste wie der Esel, war ihr nicht gewahr. Reichtum durch Hodln, das war ihr Ziel. Dafür musste sie nur Zugriff auf den Private Key des Esels erlangen. Sie sprach den Esel an:

„Du armer Esel! Dass du nach deiner Geschichte so extrem hart arbeiten musst, ist schon ein besonderes Unglück! Aber wie sehr sich doch der Chef um dich sorgt. Überlasse mir deinen Private Key zur sicheren Verwahrung deiner Traubencoins und erzähle dem Bauern vom Verlust und wie groß doch dein Pech ist. Er wird dich trösten und mit Süßem wieder aufbauen wollen, damit du schnell wieder arbeiten kannst.“

 Der Esel folgte dem Ratschlag der Ziege und händigte ihr seine Paper Wallet mitsamt Private Key aus. Wie erwartet sorgte sich der Bauer rührend um sein einziges Lasttier. Am Folgetag fand der Bauer die Paper Wallet des Esels im Stall der Ziege. In der Annahme, die Ziege hätte sie gestohlen, schlachtete er sie.

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[1]  Visa, Inc., Q3 2019 Earnings Call, 23. Juli 2019, Corrected Transcript, https://s1.q4cdn.com/050606653/files/doc_financials/2019/Q3/CORRECTED-TRANSCRIPT-Visa-Inc.(V-US)-Q3-2019-Earnings-Call-23-July-2019-500-PM-ET.pdf; Verweis unter https://www.theblockcrypto.com/tiny/visa-ceo-no-member-has-officially-joined-facebook-libra-project-yet/ (zuletzt abgerufen am 4. August 2019).

[2]  Goodman in Ri 2018, 118 ff.; Otto in Ri 2018, 120 ff.

[3]  In Anlehnung an „Der Rabe und der Fuchs“ von Jean de La Fontaine.

[4]  In Anlehnung an „Der Fuchs und die Trauben“ von Äsop.

[5]  In Anlehnung an „Der Esel und der Fuchs“ von Äsop.

[6]  In Anlehnung an „Der Esel und seine Last“ von Äsop.

[7]  In Anlehnung an „Der Esel und die Ziege“ von Äsop.

 

Titelbild: © Willyam via Adobe Stock, #149929818