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Die Frankfurt Legal Hackers

Ein anderer, interaktiver Ansatz, um Fragen an der Schnittstelle von Recht und Technik zu begegnen.

Claudia Otto

„Legal Tech“ hat mit Lösungsfindung nicht mehr viel zu tun

 

„Legal Tech“ ist nicht gleich Legal Technology. „Legal Tech“ ist vor allem ein Geschäft geworden, welches den Geschäftemachern mehr bringt als den Nutzern. Ein Geschäft, welches den Fokus zu sehr von den wirklichen Talenten weg auf bunte Ideen und inhaltsarme Versprechen lenkt. Spricht man mit Praktikern in den Bereichen Recht sowie Technik, jung wie alt, erfährt man schnell, dass die Mehrzahl der Angebote mit dem Bedarf der Praxis und der Realität nicht viel gemein haben. Schwarze oder auch nur uninformierte Schafe werden von den örtlichen Rechtsanwaltskammern abgemahnt und unterzeichnen Unterlassungserklärungen. Insolvenzen und das Scheitern von Angeboten für anwaltlich tätige Juristen sowie Verbraucher zeigen vor allem, dass schneller Aufbau und aggressives Auftreten zwecks monetär wirksamen Mitschwimmens auf der „LegalTech“-Welle in juristisch-tiefen Gewässern eher Kollisionskurs bedeutet als die Eroberung der neuen, unbekannten Welt. Ebenso wenig zielführend sind die Rufe der Legal Tech-Heiler, die jeden in der Rechtswelt Tätigen zur sofortigen Abkehr jeglicher hergebrachter Methoden und Arbeitsweisen aufrufen.

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Die Verunsicherung ist groß, unter Juristen wie Nichtjuristen – nicht zuletzt wegen der ihrer Übergangsphase endgültig entwachsenen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Der Bedarf nach neuen und innovativen Lösungen ist da – nur die passenden Angebote fehlen, oder sind angesichts des Dauerbewurfs mit buntem und beißend parfümiertem „Legal Tech“-Potpourri nicht mehr wahrnehmbar. Veranstaltungen mit hohen Teilnahmeentgelten und niedrigen Ansprüchen an die Inhalte versperren die Sicht auf die Lösungen, die gar bereits im eigenen Rechner schlummern, aber infolge Unkenntnis nicht genutzt werden. Sensationslust verdrängt Pragmatismus, und viele warten gebannt auf das Eintreten des Wunders der Disruption, statt mit machbaren Schritten selbst gen Zukunft zu schreiten.

 

Spendierfreude und gut gefüllte Taschen können jedoch nicht die Bedingung für den eigenen Fortschritt und die erfolgreiche Digitalisierung sein. Wäre es nicht schön, wenn man – ganz abseits und jenseits der Hypes – einen bodenständigen, langfristigen und damit auch produktiven Austausch zu neuen, vernetzten Ansätzen zur lösungsorientierten Verknüpfung von Recht und Technik schaffen könnte?

 

Die Legal Hackers[1]

 

Hier setzt die Bewegung der Legal Hackers an: Ihre Wurzeln liegen in Brooklyn, New York. Ihre, nein, unsere Geschichte begann im Jahr 2012, in dem die Studenten des Brooklyn Law Incubator & Policy (BLIP) mit ihrem Professor Jonathan Askin eine Antwort auf die Frage suchten, wie Juristen die lösungsorientierten Ansätze und die offene, aus Fehlern lernende sowie kollaborative Herangehensweise der Tech-Community auf den Rechtsbereich übertragen können, um in einer sich rasend schnell verändernden Welt gesellschaftlich bedeutsame Rechtsprobleme zu lösen. Ganz getreu dem Begriff des “hacking”[2], der den Ansatz des pragmatischen, kollaborativen und kreativen Problemlösens beschreibt und sich von Beginn an auch auf andere Gebiete als nur die Softwareentwicklung anwendbar sah.[3] Zu diesem Zwecke veranstalteten sie gemeinsam mit Rechtsanwälten und Unternehmern den weltweit ersten, eintägigen „Legal Hackathon“,[4] der im April 2012 an der Brooklyn Law School stattfand. Die Meet­up-Gruppe „NY Legal Hackers“ war schnell gegründet, um die gewonnenen Erkenntnisse und neuen Gedanken auch in der Zukunft fruchtbar zu machen. „Hacking the law“, vielfach kopiert, doch in ihrem problemlöseorientierten Non-Profit- und Non-Commercial-Charakter unerreicht, wurde zum Markenzeichen, das international viele Menschen anspricht. Weltweit gibt es nun ca. 80 Ortsgruppen (sog. Chapters), die sich für „Legal Open Source“-Lösungen einsetzen. Man trifft sich regelmäßig, um neue Ansätze zur Bewältigung von Rechtsproblemen mit Technologie, neue durch Technologie aufgeworfene Rechtsprobleme, und alles in den Sinn Kommende an der Schnittstelle zu beidem zu besprechen. Im Vordergrund steht der freimütige Austausch von Wissen; oft werden Open Source-Software und offene Modelle vorgestellt, um die Gemeinschaft zu inspirieren (“fork us on github”) und voranzubringen.

 

Die Frankfurt Legal Hackers

 

Die Frankfurt Legal Hackers als einziges[5] deutsches Legal Hackers Chapter sind noch jung; Claudia Otto begründete sie am 26. Februar 2018 als Informationsprojekt ihrer Kanzlei in Kooperation mit den Legal Hackers und gewann unmittelbar Dr. Wolfgang Dannhorn als Co-Organisator. Der Chapter-Name steht nicht für eine örtliche Beschränkung, sondern lediglich für ihr Epizentrum in Deutschland. Frankfurt am Main ist als moderne, offene, interdisziplinäre und internationale Weltstadt sowie Deutschlands bester Verkehrsknoten der geeignetste Ort, um (irgendwann) alle an einen Tisch zu bringen. Die Mitglieder und das Organisationsteam sind zudem überregional angesiedelt, involviert und engagiert. Veranstaltungen, die grundsätzlich monatlich in Form von Meetups stattfinden, aber auch als große interdisziplinäre und internationale Projekte geplant sind, können keinen besseren Standort als in Frankfurt am Main finden. Neben der in Frankfurt zu beobachtenden, ausschließlich kommerziell ausgerichteten Ansiedlung von “Inkubatoren” und „Legal Tech“-Initiativen erscheint die Schaffung einer deutschen Plattform der Legal Hackers-Bewegung auch überfällig.

 

Der Kickoff Lunch am 29. März 2018 zeigte, dass der von den Legal Hackers angebotene Austausch der richtige und gewünschte Lösungsweg ist. Die Vorschläge von Claudia Otto und Dr. Wolfgang Dannhorn, gemeinsam

 

Kostengünstige, machbare Lösungen zu finden,

Eigene und gemeinsame Ideen zu entwickeln,

Aufklärung voranzutreiben,

Fortbildung sowie

Talent- und Jobsuche zu unterstützen,

 

kamen gut an. Die Chance, daneben über das Netzwerk der Legal Hackers einen unvergleichlichen Blick auf die Entwicklungen in anderen Ländern der Welt zu bekommen, ist unbezahlbar. Fruchtbare Ideen, die nie ausgehen, zu teilen und Synergien zu schaffen, kosten keine Energie: Sie erzeugen Energie. Die internationale und interkulturelle Vernetzungsmöglichkeit des Einzelnen ist nicht zuletzt eine große und persönliche Bereicherung für die einzelnen Mitglieder.

 

Integrität sowie Sach- und Fachlichkeitsgebot der Frankfurt Legal Hackers

 

Doch die internationale Zusammenarbeit, Achtung und Anerkennung der non-profit und non-commercial agierenden Frankfurt Legal Hackers erfordert, dass das Sach- und Fachlichkeitsgebot eingehalten wird:

 

  • Veranstaltungen der Legal Hackers werden keine Verkaufsveranstaltungen. Lösungsmodelle sind nachgefragt und können daher gerne präsentiert werden; Produkte sollen aber nicht zum Verkauf angepriesen werden.
  • Es wird keine Hackathons mit kommerziellen Hintergedanken geben, die sich etwa im Eindruck einer Übervorteilung manifestieren.
  • Marketingorientierte Fehlinformationen sind fehl am Platze. Echte Innovation sowie echte Lösungen kommen ohne Suggestion aus. 
  • Respekt, Achtung und Wohlwollen gegenüber anderen sind wesentlich.
  • Entsprechend dem Open Source-Gedanken ist es unser Ziel, Erfahrungen, Wissen und Ideen gemeinschaftlich auszutauschen und uns gegenseitig – ohne kommerzielle Motivation – zu inspirieren.

Weiterentwicklung und Voneinanderlernen brauchen Fairness, Ideen- und Meinungsvielfalt. Das Vertrauen der Mitglieder in die Legal Hackers erfordert das Leben und Einfordern von Integrität.

 

Die Wünsche der Mitglieder sind der Fahrplan

 

Dementsprechend werden sich die Frankfurt Legal Hackers an den am 29. März 2018 stellvertretend für alle Mitglieder der Meetup-Gruppe geäußerten Wünschen ausrichten:

 

Gemeinsam, etwa durch gemeinsam organisierte bzw. eigene Vorträge, Workshops, aber auch standortübergreifenden Video Calls, insbesondere

 

  • Lösungen für klassische Alltagsprobleme zu finden,
  • Den Wandel vom klassischen Anwalt hin zum Anwalt mit Schnittstellenkompetenz meistern lernen,
  • Neue Schnittstellen finden und ausbauen,
  • Ideen für effizientes und rechtssicheres Vertragsmanagement anstoßen und entwickeln,
  • Fallstricke im Zusammenhang mit der DSGVO erkennen und ausschalten,
  • Ansätze für die Entwicklung von Best Delivery Strategien sowie
  • Ansätze für die Entwicklung erfolgreicher eigener Produkte zu finden.
  • Echte, funktionsfähige Lösungen finden und nicht nur behaupten.

Die Frankfurt Legal Hackers werden in den nächsten Monaten prüfen und beobachten, wie die Bedürfnisse hierzulande am besten erfüllt werden können. Sollte eine Vereinsgründung sinnvoll bzw. notwendig werden, werden sie dies tun. Sponsoren werden jedoch stets gesucht; bislang tragen die Organisatoren die Kosten, etwa für die Veranstaltungslocations. Die gefundenen Möglichkeiten für einen DSGVO-konform gehosteten Shared Webspace werden derzeit geprüft, um einen Informationsaustausch auch zwischen den Meetups zu ermöglichen. Auch hierfür muss die Kostenfrage geklärt werden. Eine Kommunikation über einen geeigneten Messenger prüfen die Frankfurt Legal Hackers ebenso.

 

Das erste Themen-Meetup: How to spot scam ICOs?

 

Das erste Themen-Meetup fand am 27. April 2018 im schönen Café Maingold in Frankfurt am Main statt. Drei Speaker befassten sich mit dem hochaktuellen Thema „How to spot scam ICOs“ und gaben Tipps zur Orientierung für Kryptointeressierte:

 

Auslöser und Veranstaltungsgrund war der (vermeintliche) Fake Exit Scam der Savedroid AG. Als am 18. April 2018 deren Website durch ein South Park-Meme mit der Aufschrift „And it’s gone“ ersetzt wurde und der Savedroid-CEO sich zeitgleich auf Twitter sichtbar scheinbar Richtung Mittelmeer abgesetzt hatte, brach Panik unter vielen Menschen aus, die ihr Erspartes in Savedroid investiert hatten. Auch die Großinvestoren von Savedroid wurden völlig überrascht. Die Presse spekulierte überwiegend fleißig und feuerte die Verzweiflung vieler noch zusätzlich an, anstatt sich besonnen die Fakten anzusehen, wie etwa Katharina Schneider vom Handelsblatt.[6] Doch noch bevor sie ihren Artikel veröffentlicht hatte, hatte Theo Goodman über Ungereimtheiten bei Savedroid’s Plänen und ICO berichtet.[7] Am Ende soll alles PR gewesen sein, um ein neues Geschäftsfeld zu bewerben.[8] Die FinTech-Branche schämte sich. Berater und Freunde distanzierten sich ausdrücklich. Das neue Geschäftsfeld war am Ende dann doch keines.[9]

 

Bei Geld hört die Freundschaft auf. Mit Geld spielt man nicht. Zwei alte Weisheiten, die erkennen lassen, wenn es um die finanzielle Existenz der Menschen geht, ist Vertrauen das höchste Gut. Vertrauen muss man derzeit aber vor allem in sein eigenes Bauchgefühl und Wissen haben, wenn es darum geht, betrügerische Angebote zu erkennen. Weil keines von beiden vom Himmel fällt, haben Theo Goodman und Rechtsanwältin und Fachanwältin für Strafrecht Mirjam Steinfeld, beide aus Frankfurt am Main, aus ihrer Praxis berichtet und Tipps gegeben. Theo Goodman konnte aufgrund seines in der Kryptoszene gewonnenen, reichen Erfahrungsschatzes vor allem praktische und für jedermann ohne juristische Expertise umsetzbare Hinweise geben, woran man erkennen kann, dass bei einem ICO etwas faul ist. Mirjam Steinfeld griff die Erfahrungsberichte von Theo Goodman auf und brachte sie in einen strafrechtlichen, rechtshistorischen und gesamtgesellschaftlich bedeutenden Rahmen. Claudia Otto schloss die Vortragsreihe mit ein paar abschließenden Tipps aus ihrer eigenen Praxis.

 

Das Frankfurt Legal Hackers Team (in alphabetischer Reihenfolge):

 

Dr. Wolfgang Dannhorn

Dr. Sebastian Feiler

Andreas Frahn

Claudia Otto

Mirjam Steinfeld

A

A


[1]  https://legalhackers.org. 

[2]  Eine kleine Übersicht zur Begriffsgeschichte und Hackerethik findet sich in Lear, D., „Hacking the Law“, Januar 2014, https://www.americanbar.org/content/newsletter/publications/law_practice_today_home/lpt-archives/2014/january14/hacking-the-law.html (zuletzt abgerufen am 22. Mai 2018).

[3]  “The hacker mind-set is not confined to this software-hacker culture. There are people who apply the hacker attitude to other things, like electronics or music — actually, you can find it at the highest levels of any science or art. Software hackers recognize these kindred spirits elsewhere and may call them ‘hackers’ too — and some claim that the hacker nature is really independent of the particular medium the hacker works in.” – aus: Raymond, Eric S. , What is a hacker?, rev. 1.50 <http://www.catb.org/esr/faqs/hacker-howto.html#what_is> (zuletzt abgerufen am 20.05.2018).

[4]  Bosker, B., “Legal Hackathon Challenges Lawyers To Think Like Hackers”, https://www.huffingtonpost.com/2012/04/17/legal-hackathon-lawyers-hackers-brooklyn-law-school_n_1431038.html (zuletzt abgerufen am 16. Mai 2018).

[5]  Stand der offiziellen Chapters-Liste gemäß legalhackers.org/people am 23. Juni 2018.

[6]  Schneider, K., „And it’s gone“ – Verwirrung um das Finanz-Start-up Savedroid, 18. April 2018, http://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/nach-ico-and-its-gone-verwirrung-um-das-finanz-start-up-savedroid/21188558.html (zuletzt abgerufen am 22. Mai 2018).

[7]  Goodman, T., „Savedroid REKT or PR Stunt?“, https://hallofrankfurt.de/savedroid-rekt-or-pr-stunt-a60d19e35ece , inkl. Update (zuletzt abgerufen am 22. Mai 2018).

[8]  „Außerdem sollte die Kampagne Aufmerksamkeit auf ein neues Geschäftsmodell von Savedroid lenken.“ Statt vieler: Schneider, Katharina, „PR-Kampagne – Savedroid-Gründer hat sich doch nicht mit Investorenkapital abgesetzt“, 19. April 2018, http://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/fintech-pr-kampagne-savedroid-gruender-hat-sich-doch-nicht-mit-investorenkapital-abgesetzt/21191050.html (zuletzt abgerufen am 22. Mai 2018).

[9]  „Beratung ist für uns im Moment kein Fokusthema. (…) Sollte es in der Zukunft ein ICO-Beratungsangebot von uns geben, so würde das über eine Tochtergesellschaft abgewickelt, die sich dann nicht mit dem Eigenkapital oder dem ICO-Kapital finanziert.“ – aus Schneider, K., ‚„Müssen uns dafür aufrichtig entschuldigen“ – So erklärt der Savedroid-Gründer seine missglückte PR-Aktion‘, 8. Mai 2018, http://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/yassin-hankir-im-interview-muessen-uns-dafuer-aufrichtig-entschuldigen-so-erklaert-der-savedroid-gruender-seine-missglueckte-pr-aktion/21251680.html (zuletzt abgerufen am 22. Mai 2018).

 

Titelbild: © ApricotBrandy via Adobe Stock, #159088614