Ri 02/2018: Zurück in die Zukunft.

Beiträge

Begrüßung

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Menschheit ist auf dem Weg künstlich intelligent zu werden. Die eigenen Fähigkeiten werden nicht mehr genutzt, denn Maschinen übernehmen die unbequemen Erforderlichkeiten des Alltags. Es ist hip und klug, nicht mehr selbst zu denken. Apps sparen für uns, Apps ersparen uns Stress, Apps handeln für uns, ohne dass wir uns an Handlungsbedarf erinnern müssen. Die Bequemlichkeit greift immer mehr um sich. Das Denken verliert sich im Wischvorgang und Daten verschwinden in den Saugvorrichtungen vielarmiger Wesen ohne Gesicht. Selbst wenn man sie zerschlagen würde, würden ihre Arme in größerer Zahl nachwachsen. Ein Kampf hat begonnen, in dem die Zeit gegen uns zu arbeiten scheint.

Die Maschinen sollen intelligent sein, um dem Menschen selbständig zu dienen. Sie sollen helfen Kosten einzusparen und ohne großes Prozessieren Schadensersatz zu erlangen. Braucht die Maschine dafür eine eigene Rechtspersönlichkeit? Tieren, also Lebewesen aus Fleisch und Blut, mit Emotionen und individuellen Interessen, erkennen wir diese nicht zu. Fügt ein Tier einem Menschen Schaden zu, haftet der Halter. Rücklagen des Halters für eventuelle Schadensfälle ließen sich leichter und im Einklang mit geltendem Recht gesetzlich regeln. Dabei ist nicht von Belang, welche Beweggründe das Tier für den Angriff gehabt haben mag. Niemand könnte dies je mit Sicherheit sagen. Organische bzw. psychische Handlungsgründe und künstliche Algorithmen sind sich dennoch gar nicht so unähnlich. Menschliche Entscheidungsprozesse lassen sich in Algorithmen abbilden, wie bereits in den 40ern des letzten Jahrhunderts von den ersten Kybernetikern, e.g. Norbert Wiener erkannt wurde. Dies gilt jedoch nur für diejenigen, die wir verstehen. Dass selbstlernende Maschinen sich wie ein Mensch oder Tier entwickeln könnten, darf man bezweifeln.

Nehmen wir gedanklich eine Zeitreise vor: In vielleicht 50 Jahren sind Maschinen in der Lage, den Menschen in seinen komplexen, heute z.T. noch immer unerklärten Intelligenzen und Fähigkeiten zu übertreffen. Werden wir mit dieser Entwicklung das menschliche Zusammenleben gefördert oder degeneriert haben? Wenn wir Maschinen zu unserer Entlastung Rechtspersönlichkeit zuerkannt haben, haben wir damit nicht auch Hemmschwellen im gegenseitigen menschlichen Umgang gesenkt? Wir könnten Unangenehmes einfach auf sie übertragen. Eine Maschine, die verletzt oder gar tötet, empfindet schließlich keine Reue und keine Scham. Sie zerbricht nicht an ihrem Gewissen. Auch nicht im Jahre 2068.

Wir müssen uns die Frage stellen, was wir wollen. Wir müssen unsere Prioritäten setzen und abstimmen. Menschliches Zusammenleben ist immer ein Kompromiss. Inwieweit Maschinen hier einen Platz einnehmen können, hängt davon ab, wie wir Menschen Kompromisse betrachten und eingehen. Diese werden stets mit dem Ziel geschlossen, die meisten Vorteile auf der eigenen Seite zu sichern. Damit besteht immer ein Nährboden für Konflikte. Maschinen sowohl zur Konfliktgrundsteinlegung als auch zur Konfliktlösung einzusetzen, zeigt, welch Stellvertreterrolle sie hier stets einnehmen werden. Sie zeigt auch, wie wir Verantwortung abgeben wollen.

Nicht zuletzt tritt der Faktor Zeit hinzu, der Konflikte mit dem Auftreten von Problemen etwa infolge technischer Fehlfunktionen und Überholung, Preisschwankungen bei Transaktionsgebühren oder auch nur des Mangels der Ansprechbarkeit mit sich bringt. Wer besseres Recht durch Maschinen verspricht, lässt stets außer Acht, dass Entwicklung nie gradlinig und von externen Umständen unbeeinflusst erfolgt. Die Anpassung an sich ändernde Bedingungen hat noch immer die langfristige Entwicklung bestimmt.

Der rasende technische Fortschritt entmenschlicht nicht. Wir extrahieren Menschlichkeit aus dem Zusammenleben. Wir müssen dies aber nicht tun. Vernunft und Menschlichkeit sollten den Kurs Richtung Zukunft bestimmen.

Ich begrüße Sie herzlich an Bord der Ri 02/2018 und wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen.

Ihre Claudia Otto

Rechtsanwältin,
Herausgeberin und Chefredakteurin

Titelbild: © ApricotBrandy via Adobe Stock, #159088614