Ri 02/2017: Smart Contracts. Chatbots. Cybercyber.

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Von Smarties, Tsunamies und Smart Payments

Claudia Otto

Das Kind weiß schnell, wenn es selbst gegenüber einem anderen Kind von den Eltern mehr Schokolinsen bekommen  hat. Dafür muss es nicht zwingend das Rechnen beherrschen. Im Allgemeinen leitet ein Kind von einem solchen Mehr an schokoladiger Zuwendung ab, mehr geliebt zu werden als das andere. Spätere Kaufmannsladen-Spiele beinhalten Tauschmittel wie Spielzeuge und Süßigkeiten oder gar Geldäquivalente wie eben Schokolinsen und Spielgeld. Es gilt, den Großen ebenbürtig zu sein. Es geht nicht darum, zu verstehen; es geht darum, sich gut zu fühlen. Ein Lernprozess also, der vor allem emotional geprägt ist.

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Heute beobachten wir die ersten Gehversuche der Erwachsenen mit sog. Kryptowährungen auf Blockchain-Basis.  Dem kindlichen Verhalten und Denken ähnlich erscheinen die zu beobachtenden Handlungsweisen. Die am Rechner  Sitzenden verschmelzen zu einer vom Herdentrieb gesteuerten homogenen Masse, die mit bunt gefüllten Whitepapers leicht verführt werden können. Man versteht nicht viel, aber ist cooler als andere, gehört dazu, ist Vorreiter und fühlt sich von den Peers geliebt sowie gleichwertig. Man selbst kann plötzlich Teil einer großen Bewegung sein, die Besseres schaffen kann. Opfer des Systems Staat, das sind die anderen. In Träumen vom greifbaren, schnellen und großen Reichtum auf Wolken voller Coins verlieren sich viele Enthusiasten wie in einem Spiel „Super Mario“.

 

Die Bundesbank hat im September 2017 einen bemerkenswerten Monatsbericht zu Distributed-Ledger-Technologien veröffentlicht.[1] Im Ergebnis stellt die Bundesbank die Distributed-Ledger-Technologie, zu der auch die Blockchain zählt, als eine unreife  Technologie  heraus  und  unterstreicht  das weiterhin bestehende Bedürfnis an intensiver Forschung  und  Entwicklung. Wie in der ersten Ausgabe der Ri ausgeführt, bedürfe die Technologie auch nach Ansicht der Bundesbank vielfältiger, erheblicher Anpassungen, insbesondere in Sachen Skalierbarkeit (vgl. Bottleneck[2]-Problematik), Performance (vgl. Mangel an Gleichzeitigkeit[3]) und Effizienz (vgl. immense Zeitverzögerungen, extremer Energiebedarf)[4]. Eine Implementierung als reine Peer-to-Peer-Übertragung im Zahlungsverkehr sowie in der Wertpapierabwicklung ohne Intermediäre hält die Bundesbank für kaum umsetzbar.[5]

 

Ebenfalls im September 2017 erschien ein nennenswerter Beitrag über „Acht Dinge, die Kryptowährungsenthusiasten wahrscheinlich nicht verraten würden“, der – trotz seiner Länge und seines inhaltlich hohen Anspruchs – dem an Kryptowährungen Interessierten nur ans Herz gelegt werden kann. Denn dort wird erstmals die Problematik der Information über Kryptowährungen, ICOs und Entwicklungen in künstlich angelegten Bahnen angesprochen. Oft werden, auch von Rechtsanwälten, Berichte von Coin Desk, Coinbase, Coin Telegraph und ähnlichen Krypto-Onlinemagazinen bedenkenlos geteilt und zitiert, ohne die Hintergründe zu prüfen. Dabei lässt sich oft sehr schnell feststellen, dass die Informationen künstlich angereichert oder gar verfälscht wurden.

 

Forschungsprojekte, beispielsweise, werden hier nicht selten zu staatlich implementierten Blockchain-Lösungen erklärt:

 

So wurde am 6. Juli 2017 vom Coin Telegraph gemeldet: „Sweden Officially Started Using Blockchain to Register  Land and Properties“[6]. Diese Meldung geht zurück auf die ComputerWeekly.com, die am 5. Juli 2017 meldete: „Sweden trials blockchain for land registry management“ und im Text  hervorhob: „But Snäll believes it will take more time to solve issues such as the network governance and regulatory questions involved in large-scale blockchain implementations. So Swedes will not be switching their property contracts to a blockchain just yet.”[7] Derselbe Herr wurde unter dem Titel „Sweden’s blockchain-powerd land registry is inching towards reality“ im April 2017 noch wie folgt zitiert: „Swedes probably won’t be getting their title deeds checked on a blockchain any time soon. Legal obstacles, like the validity of digital signatures, need to be resolved. The soonest this system will be in place, if ever, is 2019”.[8]

 

Und so rollen falsche Coin-News tsunamiwellenartig durch die sozialen Netzwerke. Die zudem von psychedelischen, Reichtum verheißenden Posts und Beiträgen mitgerissenen Menschen verstehen nicht, womit sie es hier zu tun haben und wie überhaupt die von Dritten zugeschriebenen Werte zustande kommen. Dass diesen beworbenen Coins lediglich in ihrer eigenen Wolke Wert zukommt und beim Aufprall auf dem harten Boden der Realität wie Regentropfen zerbersten können – an diese Möglichkeit wird selten gedacht.

 

Es stellt sich also die Frage: wenn Blockchain-basierte Zahlungsmittel tatsächlich (noch) nicht realistisch und auch Mitteilungen darüber nicht zuverlässig sind, was sind dann vertrauenswürdige und nachhaltige  Zahlungsmethoden in einer immer digitaler werdenden Rechtsgeschäftswelt?

 

Lili  Birnbach wird diese Frage im ersten Fachbeitrag der Ri 02/2017 klären.

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[1]  Bundesbank, Distributed-Ledger-Technologien im Zahlungsverkehr und in der Wertpapierabwicklung: Potenziale und Risiken, Monatsbericht September 2017, https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Veroeffentlichungen/Monatsberichtsaufsaetze/2017/2017_09_distributed_ledger_technologien.pdf?__blob=publicationFile (abgerufen am 9. Oktober 2017).

[2]Otto, Ri 2017, 1 (7, 10).

[3] Otto, Ri 2017, 1 (9).

[4]  Otto, Ri 2017, 1 (10).

[5]  Bundesbank (Fn 1), S. 49.

[6]  „Schweden nutzt nun offiziell die Blockchain für Grundbucheintragungen“; Joseph Young, “Sweden Officially Started Using Blockchain to Register Land and Properties”, 5. Juli 2017, https://cointelegraph.com/news/sweden-officially-started-using-blockchain-to-register-land-and-properties (abgerufen am 9. Oktober 2017).

[7]  „Schweden versucht sich an der Blockchain zur Grundbuchführung”, „Aber Snäll glaubt, dass es mehr Zeit benötigt, um etwa Fragen der Netzwerkgewalt und Regulierung bei Implementierung von Blockchains großen Ausmaßes zu beantworten. Die Schweden werden also nicht so schnell ihre Grundstückskäufe auf der Blockchain abwickeln.“; Eeva Haaramo, Sweden trials for blockchain for land registry management – Swedish land registry is trying out blockchains as a means of proving ownership“, 5. Juli 2017, http://www.computerweekly.com/news/450421958/Sweden-trials-blockchain-for-land-registry-management (abgerufen am 9. Oktober 2017).

[8]  „Schwedens Blockchain-getriebenes Grundbuchamt bewegt sich langsam auf die Realität zu“, „Die Schweden werden ihre Grundstücksübertragungen wohl nicht in absehbarer Zeit auf  einer Blockchain prüfen lassen können. Rechtliche Hürden, wie etwa die Beweiskraft digitaler Signaturen, müssen überwunden werden. Dieses System wird frühestens 2019 realisiert sein, wenn überhaupt jemals“;  Joon  Iaan  Wong, „Sweden’s blockchain-powerd land registry is inching towards reality“, 3. April 2017, https://finance.yahoo.com/news/sweden-blockchain-powered-land-registry-103713689.html, https://qz.com/947064/sweden-is-turning-a-blockchain-powered-land-registry-into-a-reality/ (abgerufen am 9. Oktober 2017).

 

(verändert) Titelbild: © Vitaly via Adobe Stock, #213641411