Ri 01/2018: Einen klaren Blick.

Ri 01/2018: Navigation

Ri 01/2018: Beitrag

Der Legal Tech Grand Prix

Wo Studenten nicht auf der Strecke bleiben dürfen

Kai Ebert und Paul Schirmer*

Derzeit erinnert die Legal Tech-Branche in Deutschland an einen Wettbewerb, den besten und fortschrittlichsten Rennwagen zu bauen. Nach langer Zeit der Diskussionen, der Entwicklung und Tests gibt es nun mehrere Prototypen, die ins Rennen geschickt werden. Dabei wird kräftig aufs Gas getreten und manche der Rennwagen nehmen immer mehr an Fahrt auf.

 

Legal Tech ist längst nicht mehr nur Hype, sondern hat auch eine fachlich fundierte Basis mit dem Potential, die juristische Arbeitswelt grundlegend zu verändern. Die Vielfalt von zum Teil schon sehr erfolgreichen Startups und die Einbindung erster Legal Tech-Lösungen in Kanzleien und Rechtsabteilungen liefert den Beweis. Dabei stellt sich notgedrungen die Frage, wie steht es um die zukünftigen Generationen von Juristen,[1] jenen, die auch ihre Autos werden bauen, steuern und weiterentwickeln müssen, um auch in Zukunft im Rennen, d.h. konkurrenzfähig zu bleiben?

___STEADY_PAYWALL___

 

Angesichts der breiten Diskussion on- und offline, entsteht schnell der Eindruck, dass Legal Tech ein alle Ebenen durchdringendes Thema ist, das dementsprechend auch an den Universitäten intensiv diskutiert wird. Als Studenten lehrt uns unsere tägliche Erfahrung aber ein anderes Bild. Tatsächlich ist die aktuelle Entwicklung den meisten Studenten nicht oder nur am Rande bewusst. Allenfalls eine kleine Minderheit beschäftigt sich mit den Auswirkungen, die die Digitalisierung auf ihre zukünftige Berufsausübung haben wird.

 

Wir sind Vertreter der sog. Millennials, einer Generation, die mit dem Smartphone in der Hand groß geworden ist und für die die Digitalisierung jede Nische Ihres Lebens berührt. Die drängende Frage ist daher: Wie ist es möglich, dass gerade unserer Generation von Jurastudenten die zunehmende juristische Digitalisierung weitgehend fremd bleibt?

 

I. Der Status quo

 

Die weit verbreitete Vorstellung unter Studenten ist, dass die anwaltlichen Arbeit in der Lösung komplexer juristischer Probleme besteht. Die Fälle seien stets unterschiedlich und die Tätigkeit zu anspruchsvoll, um sie von einer Maschine unterstützen oder gar ersetzen zu lassen. Dass diese hochkomplexen Aufgaben für Computer noch in weiter Ferne liegen, ist richtig. Die Vorstellung verkennt aber, dass die anwaltliche Arbeit weit mehr als nur die Lösung juristischer Problemstellungen umfasst. Tatsächlich ist ein erheblicher Anteil Fleiß- und Routinearbeit, die durch maschinelle Prozesse schneller und kostengünstiger erledigt werden kann.

 

Zu der lückenhaften Vorstellung von der juristischen Tätigkeit kommt meist noch ein bestimmtes Statusdenken hinzu. Juristen verfügen über Wissen und Fähigkeiten, die sie von der restlichen Bevölkerung abheben und einen Expertenstatus verleihen.[2] Durch das staatlich geschaffene Monopol[3] in der Rechtsberatung gab es außerhalb der eigenen Berufsgruppe bislang fast keinen Wettbewerb. Daher gibt es auch keine Notwendigkeit, Expertise in anderen Fachbereichen zu erlangen. Juristen sehen ihre Inselqualifikation meist nicht als Schwäche, sondern mit gewissem Stolz. Diese Einstellung schwingt beispielsweise mit in dem verbreiteten Ausspruch “iudex non calculat”, häufig zweckentfremdet, um fehlende mathematische Fähigkeiten zu rechtfertigen. Dieses Selbstverständnis beschränkt sich aber nicht nur auf die Mathematik, sondern behindert auch sonstiges technisches Interesse und Innovationsgeist. Die Jurastudenten nehmen den rasanten Fortschritt, den uns die Digitalisierung in anderen Branchen beschert hat, zwar wahr, sehen sich durch ihr vermeintlich innovationsfestes Monopol aber selbst nicht bedroht.

 

Tatsächlich ist das Monopol aber nicht mehr so unangreifbar, wie es einmal war. Neue Modelle wie Online-Streitbeilegung[4] oder alternative Rechtsdienstleister[5] drängen auf den Markt. Auch innerhalb des eigenen Berufsstands kochen nicht mehr alle mit Wasser, sondern Kanzleien, die ihre Prozesse durch Softwareunterstützung effizienter gestalten, können ihre Mandanten zu wesentlich geringeren Preisen noch profitabel beraten.

 

Die Universitäten unternehmen mit wenigen, aber sehr begrüßenswerten Ausnahmen[6], bisher keine Schritte, um die Studenten auf die zukünftigen Anforderungen vorzubereiten oder sie zu befähigen, selbst innovative Lösungen zu entwickeln. Während das traditionell analoge Jurastudium die Studenten ganz im Gegenteil in ihren anachronistischen Vorstellungen bestärkt, beschäftigen sich die meisten Professoren hauptsächlich mit der theoretisch-wissenschaftlichen Dimension des Rechts. Auch die Rechtsinformatik kann den Studenten häufig nicht weiterhelfen. Ihr Fokus liegt heutzutage meist auf der rechtlichen Betrachtung der technischen Entwicklungen anderer Bereiche, zum Beispiel dem IT-, IP- und Datenschutzrecht. Dies ist ebenfalls ein spannendes Feld, aber von Legal Tech zu unterscheiden.

 

II. Brückenqualifikationen der Juristen von Morgen

 

In der Frage, wie sich der Rechtsmarkt konkret verändern wird, ist noch längst nicht das letzte Wort gesprochen. Es steht aber fest, dass die Juristen von morgen, wollen sie mit den Entwicklungen Schritt halten, neben sehr guten juristischen Fähigkeiten zusätzliche Brückenqualifikationen benötigen werden, die den Bogen zu den Chancen der Digitalisierung schlagen. Die juristische Ausbildung sollte sich daran anpassen.

 

Der erste und wichtigste Schritt ist es, bei den Studenten ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass im Zeitpunkt ihres Berufseinstiegs erhebliche Veränderungen, bedingt durch die voranschreitende Digitalisierung, eingetreten sein werden. Auf diese sollten sie sich schon heute vorbereiten. Der klassische Anwalt mit Gesetzbuch, Faxgerät und Palandt wird die absolute Ausnahme sein.

 

Des Weiteren ist wichtig, dass die Praxis, also Kanzleien, Rechtsabteilungen und Legal Tech-Startups klar definieren, welche Qualifikationen der Jurist von Morgen mitbringen muss. In dieser Hinsicht wäre auch eine entsprechende Abstimmung der Politik auf deutscher wie europäischer Ebene wünschenswert, denn die Digitalisierung der Rechtsberatung und Rechtspflege ist eine Entwicklung, die alle europäischen Ländern betrifft. Natürlich sind auch Studenten dazu aufgerufen sich zu informieren, Forderungen zu stellen und zu überlegen, welche Qualifikationen sie neben dem klassischen juristischen Handwerkszeug erwerben möchten.

 

Unserer Überzeugung nach geht es vor allem um ein grundlegendes technisches Verständnis. Was können die Technologien schon heute leisten, was nicht und wo geht die Reise in den kommenden Jahren hin? Wie funktionieren die einzelnen Technologien und welche Anwendungsmöglichkeiten ergeben sich? Alle diese Fragen sind relevant für das Verständnis und die Mitgestaltung der aktuellen und zukünftigen Entwicklungen. Das bedeutet nicht, dass die Juristen zu den besseren Informatikern werden müssen, ein realistischer Überblick über die konkreten Möglichkeiten und Grenzen der Technologien ist aber erforderlich.

 

Technische Innovation allein kann aber nicht der letzte Schritt sein, vielmehr müssen auch die Beratungsangebote, die internen Prozesse und die Kommunikation zum Mandanten an die technischen wie gesellschaftlichen Entwicklungen angepasst werden. Um die eigenen Prozesse auf die Entwicklungen des Marktes einstellen zu können braucht es auch klassische betriebswirtschaftliche Fähigkeiten: unter anderem (Projekt-)Management, Service-Design und die Fähigkeit in interdisziplinären Teams zu arbeiten und diese auch zu leiten. Nur wer in Zukunft mit den neuen technischen Möglichkeiten umgehen sowie bessere und effizientere Lösungen für den Kunden (Mandanten) entwickeln kann, wird sich durchsetzen können. Dementsprechend müssen die Universitäten die Vermittlung technischer und anderer Brückenqualifikationen sehr viel stärker in ihr Lehrangebot einbauen.

 

III.  MLTech Student Association

 

Auch wenn die Veränderungsprozesse an den Universitäten lange dauern, steht die juristische Digitalisierung schon heute vor der Tür. Um diesen Herausforderungen zu begegnen und die Lücke in der juristischen Ausbildung zu schließen, haben wir in München das Thema selbst in die Hand genommen und im letzten Jahr den Verein „Munich Legal Tech Student Association“ (kurz: MLTech) gegründet[7].

 

Unser Konzept basiert im Wesentlichen auf den drei Säulen unseres Mottos „Inform. Inspire. Invent.“. Wir wollen Studenten über die aktuellen Entwicklungen informieren, sie für die Potenziale von Legal Tech begeistern und die notwendigen Fähigkeiten vermitteln, um selbst Ideen zu entwickeln und umzusetzen.

 

Zu diesem Zweck wollen wir verschiedene Projekte und Aktivitäten ab Frühjahr 2018 umsetzen. Über Vorträge an der Universität und unsere Social-Media-Aktivität möchten wir das Interesse für Legal Tech wecken und ein grundlegendes Verständnis schaffen. Um den Studenten einen Einblick zu geben, wie Legal Tech in der Praxis aussieht und wie die neuen Anwendungen funktionieren, organisieren wir Besuche bei Kanzleien, Unternehmen und Startups, die Legal Tech bereits erfolgreich einsetzen. Darüber hinaus planen wir interaktive Workshops zu Themen wie Legal Design Thinking und einen Münchener Legal Tech-Hackathon, bei dem Juristen, Informatiker und Studenten anderer Fachbereiche gemeinsam an innovativen Lösungen arbeiten und Erfahrungen sammeln können.

 

Bei unseren Veranstaltungen ist es uns sehr wichtig, dass wir nicht nur junge Juristen, sondern auch interessierte Studenten und Professionals aus anderen Fachbereichen, etwa aus der Informatik, der Computerlinguistik oder den Wirtschaftswissenschaften erreichen. Denn Legal Tech ist nie ein rein juristisches, sondern immer ein interdisziplinäres Thema. Erfolg in diesem Bereich lebt davon, dass auch Experten aus anderen Bereichen ihre Ideen und Erfahrungen beitragen und maßgeblich an der Umsetzung mitwirken.

 

Fester Bestandteil unseres Konzepts ist auch ein reger Austausch über Städte- und Ländergrenzen hinweg. Die Veränderungen, die die Digitalisierung des Rechtsmarkts mit sich bringt, betreffen nicht nur die deutsche Rechtsordnung. In vielen Ländern ist die Umsetzung und Gestaltung dieser Veränderungen schon deutlich weiter – eine tolle Chance für uns, auch mit studentischen Initiativen in anderen Ländern zusammenzuarbeiten und von den bereits gesammelten Erfahrungen zu profitieren. Vielleicht ergibt sich hier auf längere Sicht eine europaweite studentische Organisation.

 

IV. Fazit

 

Die wohl bedeutendste Entwicklung unserer Zeit ist die Digitalisierung. Sie eröffnet dem Menschen völlig neue Möglichkeiten zu arbeiten und zu kommunizieren und hat unser Leben damit in den letzten 20 Jahren in beeindruckender Weise verändert. Unter Wettbewerbsdruck und mit der Verfügbarkeit von immer besseren Computersystemen wird sich auch die Rechtsbranche in den nächsten Jahren und Jahrzehnten grundlegend verändern. Unter dem Schlagwort Legal Tech nimmt diese Entwicklung bereits heute konkrete Gestalt an. Damit steht aber auch fest: Das juristische Studium darf nicht mehr nur Richter des vergangenen Jahrhunderts, sondern muss auch Juristen für das 21. Jahrhundert ausbilden.

 

Wir möchten uns schon jetzt auf die bevorstehenden Veränderungen vorbereiten und einen Anstoß dazu geben, dass sich die juristische Ausbildung den Entwicklungen anpasst. Wir freuen uns, dass sich mittlerweile auch in anderen Städten im deutschen und internationalen Raum Studenten mit diesem Ziel zusammengefunden haben. Auf diese Weise können wir gemeinsam dafür sorgen, dass unser Wagen mit der Aufschrift „Legal Tech“ nicht nur weiter beschleunigt, sondern auch in der Spur bleibt und sich zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt.

V

V


* Kai Ebert ist Student der Rechtswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist Mitgründer und Vorsitzender der studentischen Initiative “Munich Legal Tech Student Association” (MLTech). Paul Schirmer ist Student der Rechtswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist Mitgründer und Vorstand für Finanzen der studentischen Initiative “Munich Legal Tech Student Association” (MLTech).

[1]  Zwecks Erleichterung des Leseflusses wird im Folgenden stets das Maskulinum verwendet.

[2]  Von Richard und Daniel Susskind beschrieben als ein Pakt („the grand bargain”) zwischen der Gesellschaft und ihren Experten: Susskind, Richard und Daniel, The Future of Professions. How Technology will transform the work of human experts, Oxford 2015, S. 9 ff.

[3]  §§ 3,4 BRAO, § 3 RDG.

[4]  Beispielsweise die Online-Streitbeilegung von eBay oder Modelle mit anonymen Laienrichtern im Internet wie das Startup Jury.online aus Estland.

[5]  Die Bandbreite ist in Deutschland und international sehr weit, zum Beispiel Legal-Process-Outsourcing oder verschiedenste Standardisierte Beratungsprodukte insbesondere für Verbraucher.

[6]  Zum Beispiel das neue Technologiezertifikat an der Bucerius Law School, verschiedene Seminare und Konferenzen von PD Dr. Martin Fries an der LMU München und der Universität Mannheim oder das Legal Tech Center an der Europa Universität Viadrina.

[7]  Abrufbar unter fb.com/munichlegaltech, www.linkedin.com/company/11375716/

 

Titelbild: © egilshay via Adobe Stock, #105403377