Recht und Ordnung als Frage der Digitalität?

“Technology is the most important driver for change in the legal industry. It has grown exponentially, and is increasingly capable, pervasive and connected. Do we resist or embrace it?“Richard Susskind in seiner Keynote Speech auf der Intapp Connect 2019 Conference, die am 17. und 18. April 2019 in New York stattfand

 

Wenn wir über exponentielles Wachstum sprechen, meint das die positive Veränderung einer Größe um einen bestimmten Faktor innerhalb eines festgelegten Zeitraums. Zu Fragen ist, ob die von Herrn Susskind konstatierte Entwicklung sich tatsächlich so pauschal auf den Punkt bringen lässt.

 

Eine Rechtsbranche funktioniert immer im jeweiligen Gerüst aufgebauter Rechtsregeln ihrer Rechtsordnung. Diese Regeln sind jene aus der sozialen Wirklichkeit einer (Rechts)Gesellschaft und deren Rationalisierung gewonnenen Maximen für die Konstruktion einer gemeinsamen Ordnung. Betrachtet man eine geschaffene Ordnung, oder für den vorliegenden Fall eine Entwicklung, als reines freischwebendes Faktum abstrahiert von der gesellschaftlichen Wirklichkeit, bleibt das umfassende Verständnis limitiert. Dies liegt vor allem daran, dass Transformationsprozesse, Gesellschaft und Ordnung stets in Wechselwirkung zueinander stehen. Gesellschaften sind nie in sich gleich. Das Verhältnis von eigener Wahrheit und gesellschaftlicher Wirklichkeit ist für die Beschreibung einer Entwicklung daher ein relevantes Untersuchungssubjekt. Wenn wir also über Technologie und ihren Einfluss auf die Entwicklung der Rechtsbranche sprechen, ist es wichtig, die subjektive Wirklichkeit und daraus resultierende Bedürfnisse zu erkennen. Diese jedoch sollten dabei nicht als undifferenziertes Faktum auf eine ganze Gesellschaft angewandt werden.

 

Die von Susskind gestellte Frage, ist also eine wichtige und erhebliche Frage, die jeder für sich beantworten muss. Vor allem aber wirft sie zahlreiche Folgefragen auf. Verweigere ich mich der Realität des Fortschritts, oder nutze ich sie als Chance? Sehe ich den technologischen Fortschritt als für mich persönlich relevant an? Wie könnte eine echte technische Problemlösung für den konkreten Fall aussehen und wie oder woran erkenne ich eigentlich rechtzeitig die Falltüren des „Next Big Thing“? Kennt der Algorithmus mich mittlerweile besser, als ich mich selbst und macht so meine persönliche Entscheidung hinfällig?

 

Neben der periodisch erscheinenden Fachzeitschrift möchten wir mit dem Ri-Blog ein Forum für aktuelle Themen und Tendenzen, Blicke vor und hinter die Kulissen sowie Raum für eine interdisziplinäre Auseinandersetzung mit aktuellen rechtlichen Entwicklungen und Auswirkungen technischer Innovationen auf Recht und Rechtsberatung schaffen, um auf die Schnelllebigkeit von Transformationsprozessen noch besser reagieren zu können.

Über die Autorin

Lili Birnbach studierte Jura in Berlin, Paris und Peking. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Legal Engineer unterstützt sie bei Bryan Cave Leighton Paisner LLP in Berlin den Bereich Immobilien- und Unternehmenstransaktionen und verantwortet juristisch die Entwicklung automatisierter, digitaler Vertragsgestaltung. Zudem ist sie Doktorandin am Lehrstuhl von Prof. Dr. Ignacio Czeguhn (Freie Universität Berlin).

Titelbild: © beeboys via Adobe Stock, #107324814