„Legal Tech“ oder

Wenn der Rechtsstaat von Wahrsagern infrage gestellt wird

In dem heute erschienenen LTO-Beitrag „Frankreich beschränkt Legal-Tech-Branche – Baum der Erkenntnis nicht nur im Para­dies ver­boten“ schreibt der Autor:

 

Ein stumpfes Verbotsgesetz, vorhandene Daten schlicht nicht auswerten zu dürfen, gehört aber sicherlich nicht zu dieser Kategorie von zukunftsorientierten Regeln. Insbesondere ein Verbot, richterliche Entscheidungen zu kontrollieren, ist darüber hinaus eines transparenten Rechtsstaats unwürdig.

 

Ist der hier in Bezug genommene Art. 33 des LOI n° 2019-222 du 23 mars 2019 de programmation 2018-2022 et de réforme pour la justice (1) eines Rechtsstaats wirklich unwürdig?

 

I. Was hat Frankreich hier geregelt?[1]

 

Aufgehängt wird sich an

 

II.-Le titre préliminaire du code de justice administrative est ainsi modifié :

1° Les deuxième et troisième alinéas de l’article L. 10 sont remplacés par trois alinéas ainsi rédigés :

« Sous réserve des dispositions particulières qui régissent l’accès aux décisions de justice et leur publicité, les jugements sont mis à la disposition du public à titre gratuit sous forme électronique.

« Par dérogation au premier alinéa, les nom et prénoms des personnes physiques mentionnées dans le jugement, lorsqu’elles sont parties ou tiers, sont occultés préalablement à la mise à la disposition du public. Lorsque sa divulgation est de nature à porter atteinte à la sécurité ou au respect de la vie privée de ces personnes ou de leur entourage, est également occulté tout élément permettant d’identifier les parties, les tiers, les magistrats et les membres du greffe.

« Les données d’identité des magistrats et des membres du greffe ne peuvent faire l’objet d’une réutilisation ayant pour objet ou pour effet d’évaluer, d’analyser, de comparer ou de prédire leurs pratiques professionnelles réelles ou supposées. La violation de cette interdiction est punie des peines prévues aux articles 226-18,226-24 et 226-31 du code pénal, sans préjudice des mesures et sanctions prévues par la loi n° 78-17 du 6 janvier 1978 relative à l’informatique, aux fichiers et aux libertés. »

 

Übersetzt:

 

II – Der vorläufige Titel des Kodex für Verwaltungsgerichtsbarkeit wird wie folgt geändert:

1. Die Absätze 2 und 3 des Artikels L. 10 werden durch drei Absätze mit folgendem Wortlaut ersetzt:

« Vorbehaltlich der besonderen Bestimmungen über den Zugang zu Gerichtsentscheidungen und die Veröffentlichung von Gerichtsentscheidungen werden die Urteile der Öffentlichkeit kostenlos in elektronischer Form zugänglich gemacht.

« Abweichend von Absatz 1 werden die vollständigen Namen der in der Entscheidung genannten natürlichen Personen, wenn sie Parteien oder Dritte sind, weggelassen, bevor sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ist die Offenlegung geeignet, die Sicherheit oder die Privatsphäre dieser Personen oder ihres Umfelds zu beeinträchtigen, so wird auch jedes Element, das die Identifizierung der Parteien, Dritter, Richter und Mitarbeiter der Geschäftsstelle ermöglicht, verdeckt.

« Die Identitätsdaten von Richtern und Mitarbeitern der Geschäftsstelle dürfen nicht zum Zweck oder zur Wirkung der Bewertung, Analyse, des Vergleichs oder der Vorhersage ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Berufspraxis wiederverwendet werden. Ein Verstoß gegen dieses Verbot wird mit den in den Artikeln 226-18, 226-24 und 226-31 des Strafgesetzbuches vorgesehenen Sanktionen geahndet, unbeschadet der Maßnahmen und Sanktionen, die im Gesetz Nr. 78-17 vom 6. Januar 1978 über Informationstechnologie, Dateien und Freiheiten vorgesehen sind. » 

 

Vergleichbares wird geregelt unter

 

IV.-Le chapitre unique du titre Ier du livre Ier du code de l’organisation judiciaire est ainsi modifié :

1° Les deux premiers alinéas de l’article L. 111-13 sont remplacés par trois alinéas ainsi rédigés :

« Sous réserve des dispositions particulières qui régissent l’accès aux décisions de justice et leur publicité, les décisions rendues par les juridictions judiciaires sont mises à la disposition du public à titre gratuit sous forme électronique.

« Les nom et prénoms des personnes physiques mentionnées dans la décision, lorsqu’elles sont parties ou tiers, sont occultés préalablement à la mise à la disposition du public. Lorsque sa divulgation est de nature à porter atteinte à la sécurité ou au respect de la vie privée de ces personnes ou de leur entourage, est également occulté tout élément permettant d’identifier les parties, les tiers, les magistrats et les membres du greffe.

« Les données d’identité des magistrats et des membres du greffe ne peuvent faire l’objet d’une réutilisation ayant pour objet ou pour effet d’évaluer, d’analyser, de comparer ou de prédire leurs pratiques professionnelles réelles ou supposées. La violation de cette interdiction est punie des peines prévues aux articles 226-18,226-24 et 226-31 du code pénal, sans préjudice des mesures et sanctions prévues par la loi n° 78-17 du 6 janvier 1978 relative à l’informatique, aux fichiers et aux libertés. »

 

Übersetzt:

 

IV – Das einzige Kapitel des Titels I von Buch I des Kodex der Gerichtsorganisation wird somit geändert:

1. Die ersten beiden Absätze des Artikels L. 111-13 werden durch drei so formulierte Absätze ersetzt:

« Vorbehaltlich der besonderen Bestimmungen über den Zugang zu Gerichtsentscheidungen und die Publizität von Gerichtsentscheidungen werden die Entscheidungen der Gerichte der Öffentlichkeit kostenlos in elektronischer Form zugänglich gemacht.

« Die vollständigen Namen der in der Entscheidung genannten natürlichen Personen, wenn sie Parteien oder Dritte sind, werden weggelassen, bevor sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ist die Offenlegung geeignet, die Sicherheit oder die Privatsphäre dieser Personen oder ihres Umfelds zu beeinträchtigen, so wird auch jedes Element, das die Identifizierung der Parteien, Dritter, Richter und Mitarbeiter der Geschäftsstelle ermöglicht, verdeckt.

« Die Identitätsdaten von Richtern und Mitarbeitern der Geschäftsstelle dürfen nicht zum Zweck oder zur Wirkung der Bewertung, Analyse, des Vergleichs oder der Vorhersage ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Berufspraxis wiederverwendet werden. Ein Verstoß gegen dieses Verbot wird mit den in den Artikeln 226-18, 226-24 und 226-31 des Strafgesetzbuches vorgesehenen Sanktionen geahndet, unbeschadet der Maßnahmen und Sanktionen, die im Gesetz Nr. 78-17 vom 6. Januar 1978 über Informationstechnologie, Dateien und Freiheiten vorgesehen sind. »

 

Der neue Absatz im Kodex für Verwaltungsgerichtsbarkeit und Kodex der Gerichtsorganisation,

 

« Die Identitätsdaten von Richtern und Mitarbeitern der Geschäftsstelle dürfen nicht zum Zweck oder zur Wirkung der Bewertung, Analyse, des Vergleichs oder der Vorhersage ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Berufspraxis wiederverwendet werden. Ein Verstoß gegen dieses Verbot wird mit den in den Artikeln 226-18, 226-24 und 226-31 des Strafgesetzbuches vorgesehenen Sanktionen geahndet, unbeschadet der Maßnahmen und Sanktionen, die im Gesetz Nr. 78-17 vom 6. Januar 1978 über Informationstechnologie, Dateien und Freiheiten vorgesehen sind. »

 

versetzt also die Welt in Aufregung. Hier ist nicht klar, warum. Denn was völlig übersehen wird, von britischen (?) „Legal Tech“-Blogs ohne Impressum und Datenschutzerklärung bis hin zu Übersetzungen deutscher Volljuristen in renommierten Fachpublikationen, ist die Unabhängigkeit der Richterin und des Richters (Charta der Grundrechte der Europäischen Union: Art. 47 Abs. 2 GrCh; Europäische Menschenrechtskonvention: Art. 6 Abs. 1 S. 1 EMRK; in Deutschland: Art. 97 Abs. 1 GG) in ihren Entscheidungen.

 

Die neuen Regelungen Frankreichs verbieten nicht, um „Identitätsdaten“ bereinigte Urteile und Rechtstexte zu bewerten, diese zu analysieren, zu vergleichen oder gar für fragwürdige Glaskugeljuristerei wiederzuverwenden. Sie verbieten ausschließlich die Aggregation von Entscheidungen mit dem Ziel der (Wieder-)Verwendung in Verbindung mit ihren Entscheidungspersonen, etwa im Hinblick auf durch sie zum eigenen Vorteil noch zu treffende Entscheidungen oder einfach nur, um sie in Beziehung zu etwas Sachfernem zu setzen. Dabei kann dieses In-Beziehung-setzen der Bewertung z.B. in der Öffentlichkeit zugänglichen Richterbewertungsportalen im Internet und somit der Schwächung des Vertrauens in die Justiz dienen. Denkbar ist ebenso die öffentliche Einflussnahme auf politisch bedeutsame Gerichtsprozesse vonseiten Prozessunbeteiligter: „Ein Richter, der einen Studenten mit insgesamt 200 EUR Geldstrafe hat davonkommen lassen, obwohl er einen Vierjährigen auf dem Gewissen hat? Der wird auch einen Kriegsverbrecher davonkommen lassen!“ Wo eigentlich überhaupt keine Zusammenhänge bestehen, könnten Glaskugelanbieter Gift in die Gesellschaft mischen. Die betroffene Entscheidungsperson könnte sich hiergegen kaum zur Wehr setzen.

 

Kurz zusammengefasst sind nicht nur Schutzgründe (siehe die aufgeführten Normen und dort deren neue Absätze No. 2), sondern auch Missbrauchsmöglichkeiten erkennbar, denen der französische Gesetzgeber vorbeugen will. Diese Absicht ergibt sich aus dem nachfolgendem Gesetzestext:

 

« Art. L. 111-14.-Les tiers peuvent se faire délivrer copie des décisions de justice par le greffe de la juridiction concernée conformément aux règles applicables en matière civile ou pénale et sous réserve des demandes abusives, en particulier par leur nombre ou par leur caractère répétitif ou systématique.
« Les éléments permettant d’identifier les personnes physiques mentionnées dans la décision, lorsqu’elles sont parties ou tiers, sont occultés si leur divulgation est de nature à porter atteinte à la sécurité ou au respect de la vie privée de ces personnes ou de leur entourage.
« Un décret en Conseil d’Etat fixe, pour les décisions de premier ressort, d’appel ou de cassation, les conditions d’application du présent article. »

 

Übersetzt:

 

« Art. L. 111-14 – Dritte können Kopien von Gerichtsentscheidungen bei der Geschäftsstelle des betreffenden Gerichts nach den in Zivil- oder Strafsachen geltenden Regeln und vorbehaltlich missbräuchlicher Aufforderungen, insbesondere durch ihre Anzahl oder durch ihre wiederholte oder systematische Art, anfordern.
« Die Elemente, die die Identifizierung der in der Entscheidung genannten natürlichen Personen ermöglichen, wenn sie Beteiligte oder Dritte sind, werden verschwiegen, wenn ihre Offenlegung die Sicherheit oder die Privatsphäre dieser Personen oder ihres Umfelds zu beeinträchtigen droht.
« Ein Dekret im Staatsrat legt für Entscheidungen erster Instanz, Berufung oder Kassation die Bedingungen für die Anwendung dieses Artikels fest. »

 

Masse, Wiederholung und Systematik implizieren bereits eine missbräuchliche Verwendung von Entscheidungstexten. Welch Missbrauch ist erst durch die Verbindung von Masse, Wiederholung, Systematik und Entscheidungsperson denkbar.

 

II. Frankreich hat klug entschieden. Warum?

 

Aus insbesondere vier wichtigen Gründen:

 

1. Ein Gericht ist kein Jahrmarkt

 

Das Vermögen einer Vorhersage zukünftiger Entscheidungen einer unabhängigen Person (der Rechtspflege) ist wissenschaftlich nicht belegbar. Der Mensch kann nicht in die Zukunft sehen, reisen und aus solcher zurückkehren.[2] Statistische Auswertungen ergangener Entscheidungen sind eine Interpretation der Vergangenheit, nicht der Zukunft. Ein geschäftliches Angebot dieser Art ist dem einer/s Wahrsagerin/Wahrsagers vergleichbar. Die deutsche Agentur für Arbeit definiert diesen Beruf (Berufs-ID: 8636), den sie der Freizeitwirtschaft unterordnet, wie folgt:

 

Wahrsager/innen bieten Aussagen und Beratungen anhand wissenschaftlich nicht erklärbarer Methoden an. Ihre Deutungen sehen sie als Möglichkeit, zukünftige Ereignisse vorherzusagen oder anderweitig verborgenes Wissen zu erlangen wie auch als Lebens- und Entscheidungshilfe für Ratsuchende.

 

Hohe Erfolgsaussichten sind selten absehbar. Dafür muss ein Rechtsfall einfach gelagert und die Rechtslage weitgehend geklärt sein. Wer ohne Sachverhaltskenntnis und Rechtsprüfung Vorhersagen über eine zukünftige Entscheidung treffen können will, die über den reinen Unterhaltungscharakter hinausgehen, weckt den Verdacht der Entscheidungsmanipulation.  

 

2. Fortschritt bedeutet nicht Wiederholung der Vergangenheit; keine Gleichheit im Unrecht

 

Menschen lernen und verändern sich.

Wissen kommt jeden Tag hinzu und bereichert eine noch zu treffende Entscheidung. Dieses “neue” Wissen macht andere als die alten Entscheidungen nicht falsch oder ablehnenswert, erst recht nicht die Entscheidungsperson. Neues Wissen kann sinnvoll im Rahmen der Rechtsfortbildung, aber auch notwendig aufgrund einer Gesetzesänderung sein. Rechtsfortbildung würde unterdrückt zulasten der Rechtspflege, müssten sich Richterinnen und Richter an ihren alten Entscheidungen festhalten lassen.

Einzelfälle können aufgrund eines einzigen Sachverhalts-Details die Wiederholung einer Entscheidung in einem hierin abweichenden Einzelfall der Vergangenheit unvertretbar machen. Diese Abweichung im noch zu entscheidenden Einzelfall wird grundsätzlich nur ein Mensch erkennen und, so insbesondere die hiervon betroffene Prozesspartei selbst, hierauf hinweisen müssen.

Nicht zuletzt gibt es keine Gleichheit im Unrecht, d.h. es gibt keinen Anspruch auf Fehlerwiederholung in der Rechtsprechungspraxis.[3]

 

3. Manipulationswerkzeug und Waffe gegen die richterliche Unabhängigkeit

 

Die richterliche Unabhängigkeit ist für einen Rechtsstaat charakteristisch. Würde eine richterliche Entscheidungsperson mit Ergebnissen eines “Vorhersage-Tools“ konfrontiert, würde eine Situation des Angriffs auf ihre Unabhängigkeit geschaffen. Warum ein Angriff auf die richterliche Unabhängigkeit? Weil die Konfrontation mit Entscheidungen der Vergangenheit Rechtfertigungserfordernisse auslöst, die mit dem aktuellen Einzelfall, der zur Entscheidung übertragen worden ist, nichts zu tun haben. Es werden Nebenschauplätze aufgemacht, Kriegsschauplätze, in denen Entscheidungspersonen plötzlich sich selbst verteidigen müssen. Ihrer Entscheidungsrolle werden sie, zumindest vorübergehend, enthoben. Das kommt einem Entzug der Richteraufgabe gleich. Die Richteraufgabe kann dann unter Umständen nur wiedererlangt werden, wenn die Entscheidungsperson sich gefügig verhält.

 

Der Mensch ist dafür bekannt, gerne den Weg des geringsten Widerstands zu wählen. Insofern könnte sich auch ein menschlicher Richter in die vom Vorhaltenden gewünschte Entscheidung „flüchten“. Ausweislich des LTO-Beitrags würden die in Rede stehenden “Tools” (dt. Werkzeuge, Instrumente) vielmehr dem Auslösen von Scham- und Schuldgefühlen sowie Angst vor Gesichtsverlust, mithin der Manipulation, als einem sachlichen, fundierten Vortrag frei von Unterstellungen dienen:

 

“Eine andere Version erzählt der französische Anwalt Michäel Benesty: Dieser hat in seiner Freizeit zusammen mit einem befreundeten Experten für Maschinelles Lernen ein Tool entwickelt, das französische Rechtsprechung auswerten kann. Dabei seien beiden enorme Unausgewogenheiten aufgefallen, wenn es um die Rechte von Ausländern und vor allem Asylbewerbern ging. So hätten an ein und denselben Gerichten einige Richter fast alle Anträge auf Asyl abgelehnt, während ihre Kollegen fast alle Anträge angenommen hätten. 

Eine vernünftige Erklärung für diese Diskrepanzen konnte der Jurist nach eigenen Angaben nicht finden – außer dass die Richter jeweils nicht das Gesetz, sondern womöglich ihre persönliche Weltanschauung zur Grundlage ihrer Entscheidung gemacht haben.”

 

Die Konfrontation mit auf Daten der Vergangenheit beruhenden Ergebnissen, die mit dem noch zu entscheidenden Einzelfall nichts zu tun haben, gleicht dem Einsatz einer Waffe gegen den Richter und mit ihm die richterliche Unabhängigkeit. Die anwaltliche Prognose für die Mandantin bzw. den Mandanten, basierend auf der kanzleieigenen und vielleicht noch im Kollegenkreis gemachten Prozesserfahrung, ist hiervon wohl kaum erfasst. Die für eine auch nur ansatzweise zweckdienliche Prognosen ausreichende Datenmenge kann hier kaum zusammengetragen werden.

 

4. Die Waffe gegen die Gesellschaft

 

Würden Verfahren sog. „Predictive Analytics“, i.e. datenabhängiger Glaskugeljuristerei, in politisch bedeutsamen Prozessen eingesetzt, wäre es leicht möglich, die Daten interessengerecht zu manipulieren, etwa um die/den unliebsame/n Richter/in entfernen lassen zu können oder sie/ihn durch den Druck der Öffentlichkeit, gerne wird hier das sog. „gesunde Volksempfinden“ angeführt, zu einer ihrem/seinem Gewissen widerstrebenden Entscheidung hin zu drängen. Eine solche Verwendung ist bereits bekannt als „Malicious Use of Artificial Intelligence“[4]

 

III. Fake News

 

Im LTO-Artikel wird ausgeführt:

 

Der französische Staat droht somit seinen Bürgern mit einer mehrjährigen Gefängnisstrafe, wenn diese öffentlich verfügbare Informationen in einer bestimmten Art und Weise auswerten, um daraus Erkenntnisse zu gewinnen. Dies losgelöst davon, ob dies aus kommerziellen oder wissenschaftlichen Gründen geschieht oder einfach nur um zum Spaß herauszufinden, ob man überhaupt etwas findet.“ 

 

Diese Darstellung entspricht nicht der Rechtswirklichkeit. Die Verbote des Kodex für Verwaltungsgerichtsbarkeit sowie des Kodex der Gerichtsorganisation richten sich gerade nicht an den Bürger, der aus Freizeit- und wissenschaftlichen Interessegründen Auswertungen von veröffentlichten Urteilen ohne den Bezug zur Entscheidungsperson vornimmt. Hier läge nach den oben aufgezeigten Kriterien des Art. 33 nicht einmal ein Hinweis auf missbräuchliche Urteilsanfragen vor. Die oben genannten Normen verbieten ausschließlich die Herstellung einer Verbindung zwischen den Entscheidungen und den Identitäten der Entscheidungspersonen sowie das Ableiten von Schlüssen aus dieser Verbindung mit einer (Wieder-)Verwendungszielsetzung. 

 

Es macht wirtschaftlich keinen Sinn, in der Zukunft liegende Entscheidungen in den Verfahren Dritter, die selten vor Urteilsveröffentlichung bekannt sind, aus reinem Spass vorhersagen zu wollen. Sinn macht diese geld- und zeitaufwändige Prozedur vor allem dann, wenn unmittelbar Vor- oder Nachteile durch eine richterliche Entscheidung erwartet werden. Genau hier wird das Interesse an und die reale Gefahr der Einwirkung auf die richterliche Unabhängigkeit deutlich.

 

IV. Manipulation durch Verzerrung der Lebenswirklichkeit

 

Im LTO-Artikel wird die Frage gestellt:

 

Angst vor “Predictive Analytics”?

 

Schwarze Schafe gibt es in jeder Berufsgruppe. Doch dieser statistisch eher bedeutungslose[5] Umstand der Lebenswirklichkeit rechtfertigt nicht die Schwächung des Rechtsstaats durch das (indirekte) Fordern einer Einflussnahmemöglichkeit auf die Richterin bzw. den Richter als Entscheidungsperson.

„Legal Tech“ schafft vor allem technische „Lösungen“ für Probleme, die wir in der dargestellten Form noch oder gar nicht haben. Da ist es kein Wunder, dass auch der Gesetzgeber, wie hier der Französische, den Schutz des Rechtsstaates, hier in Gestalt der richterlichen Unabhängigkeit, konkretisieren und sichern muss.

 

V. Verzerrung der Bedeutung von Recht und Rechtsstaat

 

Denjenigen, die eine Entscheidung öffentlicher Gewalt für fehlerhaft halten, steht in einem Rechtsstaat der Rechtsweg offen, um sie auf den Einklang mit geltendem Recht hin überprüfen zu lassen. Diejenigen, die Fehler oder eine sonstig nachteilige Entwicklung während eines gerichtlichen Verfahrens bemerken, müssen hierauf hinweisen und ggf. gebotene Rechtsbehelfe einlegen. “Predictive Analytics” sind aufgrund ihrer Rückwärtsgewandtheit und Bezugnahme auf Verfahren Dritter jedoch völlig ungeeignet, noch zu treffende Entscheidungen im Einzelfall auf Rechtskonformität hin zu überprüfen. 

 

VI. Schlusswort

 

Abschließend kann zunächst beruhigt werden: Die Darstellungen der Möglichkeiten von „Predictive Analytics“ richterlicher Entscheidungen liegen weit fernab der Realität. Bis heute fehlt es Maschinen[6] an hinreichendem semantischen Verständnis, d.h. an dem Verständnis für die Bedeutung von Worten und Wortzusammenhängen. Erst wenn wir hier in Forschung und Entwicklung entscheidend vorangeschritten sind, wird es möglich sein, einigermaßen verlässlich automatisierte Schlüsse aus juristischen Texten ziehen zu können. Derzeit handelt es sich v.a. um subjektiv gefärbte Vermutungen der Verwender, basierend auf subjektiv ausgewählten und zusammengestellten Daten. Mit subjektiven Zielsetzungen.

Es soll nicht in Abrede gestellt werden, dass die Analyse von richterlichen Entscheidungen der Vergangenheit zur Selbstkontrolle und Verbesserung der Justiz beitragen kann. Dies kann in sehr einfach gelagerten, repetitiven Fällen schon heute möglich sein; gerade dort, wo sich Formularurteile anbieten. Dennoch ist und bleibt der Einsatz gegen die Richterin bzw. den Richter vor der Urteilsfindung ein Angriff auf ihre bzw. seine Unabhängigkeit.

Eine eindeutige Aussage über die noch zu fällende richterliche Einzelfallentscheidung werden diese Technologien schlussendlich nie treffen können, weil nur ein kleiner Umstand des Einzelfallsachverhalts eine andere Entscheidung vertretbar machen kann. Auch ist eine richterliche Entscheidung nicht schon deshalb falsch, weil sie subjektiv als unangenehm empfunden wird. Vertretbarkeit orientiert sich am geltenden Recht. Und dieses schließt die richterliche Unabhängigkeit bei der Entscheidung ein. „Die“ richtige Entscheidung gibt es nicht. Wer diese verspricht, verkauft kein Recht, sondern ist allenfalls ein Wahrsager.

V

Die Forderung, in einem Rechtsstaat richterliche Entscheidungen kontrollieren zu dürfen, ist unwürdig.

V

V

V


[1] https://www.legifrance.gouv.fr/eli/loi/2019/3/23/2019-222/jo/article_33 (zuletzt abgerufen am 14. Juni 2019)

[2] Für die Erbringung des Gegenbeweises ist die Autorin natürlich offen.

[3] Vgl. BVerfGE 50, 142, 166.

[4] Vgl.: Brundage, Miles, Avin, Shahar et al., „The Malicious Use of Artificial Intelligence: Forecasting, Prevention, and Mitigation”, Februar 2018, Seite 9 https://arxiv.org/pdf/1802.07228.pdf (zuletzt abgerufen am 21. April 2018); Otto, „Das dritte Ich“, Ri 2018, 68 (82).

[5] Eine Darstellung einer hohen Quote von (Macht-)Missbrauchsfällen, z.B. Rechtsbeugung, fehlt, um die praktische Relevanz von „Access to better Justice“ hervorzuheben, die hier pauschal vertreten wird.

[6] Allgemein in Abgrenzung zum Mensch und Tier.

Über die Autorin

Claudia Otto ist seit 2012 Rechtsanwältin. Nach 4,5 Jahren Anwaltstätigkeit für Hengeler Mueller in Frankfurt am Main gründete sie dort im Jahr 2016 ihre eigene, auf die Vereinbarkeit von Technologie und Recht fokussierte Kanzlei COT Legal. Im April 2017 gründete sie die interdisziplinäre Fachpublikation „Recht innovativ“ (Ri).

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